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Unser verschachertes Erbe

Wir leben nur noch im Heute. Das Gestern ist je nach Lust und Laune und nach jeweiliger Ideologie Interpretationssache. Heute geht es so manchen von uns immer noch prächtig. Man kann die Seele baumeln lassen, das Hirn im Swimmingpool versenken und mit seinem Porsche Begegnungs- in Berührungszonen verwandeln. Wem der Slim-Fit Anzug zu eng wird, der kann beim Pizzabacken einfach nur sein Schürzerl tragen.

Was schert die Wohlstandsbürger, was nach ihnen kommt? Österreichs Kultur wird verschachert - na, und? "Welterbe-Touristen" sind ohnehin nur anspruchsvoll und lästig. Die freuen sich nicht einmal, wenn die Kärntnerstraße jeder beliebigenFußgängerzone in deutschen Kleinstädten gleicht. Eleganz fehlt? Der Stadtvater bevorzugt Veltliner.

Wir sollten uns vor unseren Kindern schämen, dass am Heumarkt ein Hotelbau mit Wohnungsturm im Jesolo-Stil die Stadt verschandeln wird. Die Bürger sind nicht befragt worden. Wo kämen wir denn dahin! Die sollen sich doch nur freuen, wenn künftig die Vogerln im Botanischen Garten in ihren Käfigen dahinzwitschern, ungenützte Flächen dort durch nützliche Bauten verunstaltet und kostenpflichtig gemacht werden. Unverantwortlich, dass Schönbrunn nicht schon längst in Bauland umgewidmet wurde! Ein Glaskobel am Künstlerhaus, einer am Parlament, ein Zubau neben der Karlskirche und vielleicht noch ein paar Luxuswohnungen auf dem Dach der Stephanskirche! An den Ufern des Wörthersees wachsen Appartementhäuser wie Särge aus dem Boden. Nur in Pörtschach waren die Kärntner ehrlich und haben das Haus, in dem Brahms gewohnt hat, weggerissen. War der nicht einer vom GTI-Treffen? Unsere Enkerln können mit dem bürgerlichen Gerümpel ohnehin nichts anfangen. Unsere "Wirtschaft" boomt, wie auch immer man diesen Begriff interpretieren mag.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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