Vom Nadelstreif zu Slim Fit

In jener Zeit, in der Arbeiter und Handwerker noch geachtet waren und Titel wie Magister oder Doktor nicht nur gesellschaftlichen Aufstieg signalisierten, sondern Wissen und Bildung, war der Sozi noch Sozi und nicht Sozialdemokrat und der weltgewandte und humorvolle Kanzler Bruno Kreisky kam aus einem großbürgerlichen Haus und war sozialistischer Parteichef. Er trug elegante Anzüge, die er bei Knize am Graben anfertigen ließ und verfügte, dass seine Minister nicht mehr in der ersten Klasse fliegen durften.

Damals war allgemeiner Wohlstand noch Ziel und nicht Selbstverständlichkeit, und es begann eine Blütezeit liberaler Kultur. Auch für einen Kanzler aus dem Arbeitermilieu wie dem Banker Franz Vranitzky, der von seinen Kritikern wie etwa Thomas Bernhard zum Symbol für den verhassten Pseudo-und Nadelstreifsozialismus gemacht wurde, war Kultur immer noch ein besonderes und unverzichtbares Anliegen. Künstler wurden zu seinen, wenn auch zumeist keineswegs uneigennützigen Wahlhelfern. Heute scheint Kultur im Kulturland Österreich durchaus verzichtbar zu sein. Das Rote Wien dürfte seinen "Weltkulturerbe"-Status verlieren; die Wiener Festwochen, einst repräsentatives kulturelles Aushängeschild haben Substanz und Profil eingebüßt, die angesehenen Musicalbühnen driften in die Bedeutungslosigkeit ab. Im Wahlkampf, freilich nicht nur bei den Sozialdemokraten, spielt Kultur keine und bei der Sprache der Politiker oft eine geradezu beschämende Rolle. Kanzler Christian Kern trägt modische Slim Fit Anzüge und ändert sein Rollenverhalten im Eiltempo - vom Pizza-Austräger zum Wirtschaftsexperten, zum Klassenkämpfer. Mit Kunst wird er wohl kaum in Verbindung gebracht. Künstler sind immer weniger, wie das in Wien heißt, mit der Politik "verhabert". Vielleicht besinnen sie sich auf ihre ureigene distanziert kritische Rolle mit Sprachgewalt und Fantasie.

Der Autor ist freier Journalist

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