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Wo bleibt das Gespür?

Jubiläen erzeugen Druck: "Wir müssen und wollen eine ganz große Idee verwirklichen. Wir haben die Gelegenheit und dürfen uns ihr nicht entziehn!" meint Diotima im "Mann ohne Eigenschaften". Und ist höchst pikiert über Ulrichs Frage "Denken Sie an etwas Bestimmtes?"

Günther Nenning, Wurschtel emeritus, Edelfeder der Kronen Zeitung, hat an etwas Bestimmtes gedacht: an den Austrokoffer. 130 österreichische Autorinnen und Autoren. 5000 Seiten Literatur. Für eine normale Nation, also eine mit normalem Selbstbewusstsein, wäre das kein Grund zur Autoaggression. Ob 70 Jahre Franz Joseph oder 50 Jahre Staatsvertrag (und Neutralität - aber die will man ja wegschummeln!): Es liegt nahe, dass nationale Feierlichkeiten von der Regierung, die gerade im Amt ist, ausgerichtet, sprich: bezahlt werden.

Anstatt sich mit der Goldesel-Rolle zu begnügen, haben sich Kanzler und Staatssekretär jedoch gleich als Mitdenker und -arbeiter ins Projekt reklamiert. Und unter allen Literaturexperten des Landes ausgerechnet einen ausgesucht, dessen Wirkung als rotes Tuch absehbar war. Hat man wirklich gemeint, eine Zeitung, die zehn Jahre zuvor die plakative Alternative "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk ... oder Kunst und Kultur?" eröffnete, würde sich als Schirmherrin eignen? Das Selbstironische der Nenningschen "Parallelaktion" geht dabei unter. So kommt es, dass nun gerade jene, die jüngst das Österreichische gegen deutsche Vereinnahmung geschützt wissen wollten (Streeruwitz z.B.), aus dem Koffer drängen.

Der Herausgeber hätte außerdem seinen Musil besser lesen sollen - Graf Leinsdorf beginnt die Parallelaktion, vor allem Inhaltlichen, mit einer "Reihe von Namen", knüpft "ein Netz von Bereitschaft": "Denn erst mussten Messer und Gabel erfunden werden, und dann lernte die Menschheit anständig essen."

Die Autoris ist Germanistin und Literaturkritikerin in Wien.

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