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Zu viel Klamauk und Walzer-Seligkeit

Uraufführung von Franzobels „Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes“ im Theater in der Josefstadt. In dem Stück, das Mosers Rolle während der NS-Zeit thematisiert, wird der beliebte Volksschauspieler weder denunziert noch verurteilt. Ob Mosers Haltung aber innere Emigration, Karrierismus oder Mitläufertum war, bleibt offen.

Die seit vergangenen November schwelende Kontroverse um das neue Stück von Franzobel hat mit seiner Premiere ein wenig skandalöses und jähes Ende gefunden. Die ausgerechnet von der Kultursprecherin der FPÖ geäußerten Befürchtungen, Franzobel würde den stets grantelnden und nuschelnden Publikumsliebling Hans Moser sechsundvierzig Jahre nach dessen Tod als „Feigling und Sympathisanten“ der Nationalsozialisten verunglimpfen, bestätigten sich nicht in der inkriminierten Weise.

Junger Moser trifft altes Ego

Franzobel zeichnet in seinem nun in der Josefstadt durch Peter Wittenberg zur Uraufführung gebrachten Stück den Volksschauspieler, der 1938 beim Anschluss bereits 58 Jahre alt war, sehr viel differenzierter. Das Stück lebt von einem Grundeinfall: Es lässt gleichzeitig einen müden ‚alten‘ (Erwin Steinhauer) und einen agilen ‚jungen‘ Moser (Florian Teichtmeister) sich im Himmel begegnen, wo beide, bald unterstützt durch die umtriebige und zu einem mondänen Lebensstil neigende Gattin Blanca (Sandra Cervik) im Wettbewerb verbissen um ein Engagement ringen. Denn in diesem Himmel, der von einem befrackten Zirkusdirektor samt Peitsche (Hubsi Kramar) regiert wird, der sich sogleich als Hitler zu erkennen gibt, kann Ewigkeit nur erlangen, wer ein Engagement für eine Rolle bekommt, die der Nazi-Ideologie dient. Die Mosers haben sich, in der Folge, blond toupiert in der Rolle des Drachen tötenden Helden Siegfried zu bewähren. Wer den Nazis da im Himmel seine Nützlichkeit nicht beweisen kann, wird zu Wurst verarbeitet oder landet in einem der zahlreichen, die Bühne von Florian Parbs schmückenden Einmachgläsern, wie sie aus anatomischen Instituten bekannt sind.

„Ich bin nur ein Schauspieler“

Diese Konstruktion des doppelten Moser gibt Franzobel genug Gelegenheit, dessen Verhalten gegenüber den Nazis zu untersuchen. Ihn interessierten gerade die Uneindeutigkeit in Mosers Position, die Kompromisse, die er als Künstler des NS-Reichs eingegangen ist, wahrscheinlich hat eingehen müssen, um seine jüdische Frau zu schützen. Einerseits zitiert er den Bittbrief Mosers an Hitler, dessen Ton nicht ohne bitteren Beigeschmack ist, und andererseits rückt er ihn zaghaft und historisch wohl falsch in die Nähe des Widerstands. „Gesagt habe ich nichts, aber g’schaut. Ich hatte den Widerstand im Blick“ oder „Ich bin nur ein Schauspieler, ich war nie dafür und nie dagegen“, lässt Franzobel seinen alten Moser diese Ambivalenz ausdrücken.

Obwohl Franzobel seinen Moser als unpolitischen und minimal widerständigen Menschen zeigt, ist er fern davon, ihn zu verurteilen oder auch nur zu denunzieren. Leider gelingt es ihm aber auch nicht, das menschliche Drama hinter dem Dilemma zu zeigen. Zu sehr frönt er einerseits dem wüsten Klamauk und lässt kaum einen Kalauer aus. Andererseits evoziert die mit Roland Neuwirths Schrammelmusik unterlegte Inszenierung von Wittenberg die Nachkriegsfilme Mosers mit der unsäglichen Walzer-Seligkeit, Wien-Kitsch mit süßen Mädeln und Fiakern. Es bleibt wahrscheinlich dem Leser des gleichzeitig mit der Uraufführung im Passagen-Verlag erschienenen Textes überlassen, Mosers Haltung als innere Emigration, Überlebensopportunismus, Karrierismus oder Mitläufertum zu werten.

Auch wenn das Wort von Direktor Föttinger, wonach die Moser-Uraufführung die wichtigste Premiere der Josefstadt seit mehr als vierzig Jahren sei, etwas gar zu hoch gegriffen scheint, ist es dem Theater hoch anzurechnen, ein Stück ‚gegen‘ sein Publikum gewagt zu haben.

Nachdenklich muss allerdings stimmen, dass es vonseiten der FPÖ zu einer regelrechten Vorverurteilung Franzobels gekommen ist, ohne Kenntnis des genauen Stückinhalts. Aber vielleicht verhilft diese Gesinnungszensur dem Stück gar zu einem aktuellen Kern, fordert es doch dazu heraus, darüber nachzudenken, wie wir uns verhalten hätten und verhalten würden, sollte eine Partei von der Gesinnung der FPÖ jemals das Sagen haben.

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