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Krieg ums knappe Gut

Die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer beschreibt in ihrem neuen Buch die "Macht der Bedürfnisse" in der Konsumgesellschaft. Auslöser dieses Teufelskreises zwischen Knappheit und Überfluss sei eine allzumenschliche Eigenschaft - der Neid.

Unbehagliche Gefühle gehören zu den Begleiterscheinungen der Weihnachtszeit. Widerspricht nicht der sich ständig steigernde Kaufrausch dem Sinn dieses christlichen Festes? Aber schon bevor wir dieser Frage genauer nachgehen können, wird ein noch größeres - entgegengesetztes - Problem deutlich. Aller Skepsis gegen den weihnachtlichen Kaufrummel steht die Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang entgegen. Jeder Rückgang des Geschäfts droht jene wirtschaftliche Krise zu vertiefen, die die Arbeitslosigkeit erhöht. Kein Wunder, dass der deutsche Bundeskanzler zum gesteigerten Konsum aufruft, um durch das Weihnachtsgeschäft die Wirtschaft anzukurbeln. Ermöglicht erst das laute Klingeln der Geschäftskassen fröhliche Weihnachten?

Dieses Dilemma ist kein bloß saisonales Problem, sondern typisch für unsere - im Zeichen der Knappheit stehende - moderne Welt. Die Wiesbadener Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer beschreibt in ihrem jüngsten Buch "Die Macht der Bedürfnisse" (eine frühere Fassung erschien 1988) die Problematik unserer Überflussgesellschaft, die mit jedem Schritt, die Knappheit zu beseitigen, diese nur vergrößert. Die alles beherrschende Knappheit ist nach Gronemeyer die Macht, die unsere Welt und das Leben sehr vieler Menschen regiert. Das Fatale aber an dieser Macht ist ihre Eleganz. Nur im Süden der Welt zeigt sie sich immer noch als Diktatur, Tyrannei und grelle Ausbeutung. Bei uns im Norden schreitet sie hingegen als eine "elegante Macht" einher, die in den ihr Unterworfenen ihre besten Verbündeten findet. Demokratisch legitimiert scheint sie nichts anderem als den Bedürfnissen der Menschen zu dienen.

Macht durch Knappheit

Drei Formen dieser Macht unterscheidet Gronemeyer. Als Besitzmacht zeigt sie sich in den ausschließenden Formen von Eigentum, das als "Voraussetzung entfesselter Produktivität" gilt und allen eine Teilnahme an der Macht verspricht. Als diagnostische Macht regelt sie den Zugang zur Normalität, über die Experten in allen Bereichen wachen. Bildung bleibt dann beispielsweise genauso an die Schule gefesselt wie die Gesundheit an Ärzte und Krankenhäuser. Als Risikoverteilungsmacht herrscht sie schließlich mittels der unbeabsichtigten Folgen wie Umweltschäden und anderer in der modernen Welt möglich gewordener Katastrophen.

Der wahre Kern dieser - unsere Welt beherrschenden - Macht wird aber erst dann deutlich, wenn wir uns der "unheiligen Allianz" bewusst werden, die Macht, Bedürfnisse und Knappheit miteinander eingehen. Die Macht rechtfertigt sich als Dienerin der Bedürfnisse ihrer Untertanen. Diese Bedürfnisse scheinen zum Wesen der Menschen zu gehören, werden tatsächlich aber durch die Macht erzeugt, indem sie die Knappheit fördert: "Verknappung ist der Inbegriff der Macht." Indem die Macht Knappheit schafft, erzeugt sie Bedürfnisse nach knappen Lebensgütern. Durch das Ausrichten der Bedürfnisse auf diese Lebensgüter verknappen sich diese wiederum. Bedürfnisse und Knappheit schaukeln sich so gegenseitig hoch und bilden einen Teufelskreis, der noch dadurch verschärft wird, dass die Macht gegen die Knappheit zur Produktionssteigerung aufruft, dadurch aber nur noch größere Knappheit schafft. Das Reich der Knappheit ist ein geschlossenes, sich selbst verewigendes System. Es gehört zur ökonomischen List unserer modernen Welt, dass die in ihr herrschende Knappheit zum unausweichlichen Schicksal des Menschen erklärt wird. Doch schon ein Vergleich mit der Welt des Mittelalters oder noch früherer Stufen der menschlichen Kultur entlarvt die moderne "Verschicksalung der Knappheit" als Lüge. Viele traditionelle Kulturen kannten das Problem der Knappheit nicht, obwohl sie nur einen Bruchteil der Güter unserer Welt besaßen. Armut und Knappheit dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Im Vergleich mit unseren modernen Überflussgesellschaften waren Jäger- und Sammlergesellschaften wirkliche Wohlstandsgesellschaften, weil sie das in der gegenseitigen Konkurrenz wurzelnde Problem der dauernden Knappheit nicht kannten und temporären Mangel durch solidarisches Teilen erträglich machten.

Wirtschaftsmotor Neid

Gronemeyer führt die Knappheit auf die zwischenmenschliche Rivalität zurück: "Wertschätzung erfährt in der Knappheitsgesellschaft nur das, worum ... rivalisiert werden muss." Vermittelt durch den kürzlich verstorbenen Theologen und Kulturkritiker Ivan Illich - "Vom Recht auf Gemeinheit" (1982) - und die beiden Sozialphilosophen Jean-Pierre Dupuy und Paul Dumouchel - "Die Hölle der Dinge" (1979) - greift sie zur Erklärung der Knappheit auf die mimetische Theorie René Girards zurück. Gemäß dieser Theorie ahmen die Menschen das Begehren anderer nach und wollen nur diejenigen Güter besitzen, die auch schon von diesen begehrt werden. Die Knappheit ergibt sich zwangsläufig aus dieser gemeinsamen Ausrichtung auf dieselben Objekte. Die Knappheit ist also eine Folge des Neids, der früher als gefährliches Laster gefürchtet war, heute aber als Antriebsmotor der Wirtschaft und als Geist der Werbung unerlässlich zu sein scheint. Am Beispiel des Bedürfnisses nach Anerkennung zeigt Gronemeyer, dass jede mimetisch, also durch Nachahmung verursachte Knappheit notwendigerweise unersättlich ist und nie erfüllt werden kann: "Der zwingende Vergleich mit anderen macht jede Bedürfnisbefriedigung, im Sinne des Genügens, zur Illusion."

Menschliche Wolfsnatur

Das mimetische Begehren erklärt auch die Gewaltneigung des Menschen der Knappheitsgesellschaft. Gronemeyer spricht von seiner Wolfsnatur und seinem "kriegerischen" Wesen: "Wenn die Menschen nicht mehr hervorbringen, was sie zum Leben brauchen, sondern mit anderen darum kriegen' müssen, dass sie etwas abkriegen' von dem, was ausgeteilt wird, dann setzt sich in den menschlichen Beziehungen die Rivalität als einzig mögliches, letztlich tödliches Beziehungsmuster durch."

Welchen Ausweg weist uns Marianne Gronemeyer? Erhellend ist ihre Absage an den Versuch, die Macht mittels einer Gegenmacht zu besiegen. Jede Gegenmacht stützt die Macht, weil sie der Logik der Knappheit verpflichtet bleibt. Nur mittels der Ohnmacht - als der "radikalsten und ... gewagtesten Widerstandsform" - ist ein Entkommen aus dem Teufelskreis der Knappheit möglich: "Was nicht begehrt wird, kann nicht knapp sein. Wo nichts begehrt wird von dem, was die Macht verwaltet, ist die Macht machtlos, ja mehr noch, sie existiert nicht." Konkret spricht Gronemeyer von zwei Weisen der Vermeidung von Knappheit: Erstens das "Leben-in-Daseinsbedingungen", das die in der Natur immer schon vorgegebene Fülle zum Ausgangspunkt nimmt und deshalb die "Bedürfnislosigkeit" als Lebensform wählt. Zweitens das "Leben-mit-Fähigkeiten", das das menschliche Können auf gemeinschaftlich erreichbare Ziele ausrichtet und als Lebensform die "Nicht-Bedürftigkeit" voraussetzt. Bedürfnislosigkeit und Nicht-Bedürftigkeit bleiben dabei vom Verzicht unterschieden, der bloß eine "Art Krisenmanagement im Knappheitssystem" ist.

Etwas versteckt spricht Gronemeyer auch die religiösen Voraussetzungen für das Vermeiden der Knappheit an. Am deutlichsten zeigt sich das dort, wo sie die moderne "Aussperrung des Todes" mit der Knappheit an Sicherheit und Zeit in Verbindung bringt. Ebenso klingt die religiöse Dimension an, wo sie die positive - auf Gott ausgerichtete - Form des mimetischen Begehrens beschreibt, das nicht in die Sackgasse des Neids führt, und wo sie das Problem der Knappheit mit der biblischen Sündenfallgeschichte in Verbindung bringt.

Weihnachtlicher Götze

Um Weihnachten treffen wir auf Schrifttexte, die angesichts der Überlegungen von Gronemeyer neue Bedeutung erhalten. Die römische Aufforderung, sich in Steuerlisten einzuschreiben, die vergebliche Herbergsuche und König Herodes, der alle neugeborenen Knaben töten ließ, weil er in ihnen potentielle Rivalen fürchtete, stehen für das Reich der Knappheit, während das Kind in der Krippe und die armen Hirten, die mit ihm das Kommen des Erlösers feiern, jene Ohnmacht verkörpern, die der Macht ihre Grundlage entzieht. Das Problem unserer heutigen Welt besteht darin, dass wir keinen mordenden Herrschern wie Herodes gegenüber stehen, sondern dass Herrscher und Beherrschte gemeinsam die unkenntlicher denn je gewordene Macht der Knappheit anbeten. Dieser falschen "Liturgie" sollten wir widerstehen lernen, wenn wir vor dem Kind in der Krippe stehen.

Der Autor ist Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der KatholischTheologischen Fakultät der Universität Innsbruck.

Die Macht der Bedürfnisse

Überfluss und Knappheit

Von Marianne Gronemeyer

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002 (Primus-Verlag)

222 Seiten, e 14,90

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