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Gesellschaft

Küsse vom lieben Onkel Politiker

1945 1960 1980 2000 2020

Streicheln vor der Kamera,Hoppa-hoppa-Reiter-Spielchen, und nachher noch ein Eis ... Szenen einer paradoxen, unsensiblen Polit-Show.

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Streicheln vor der Kamera,Hoppa-hoppa-Reiter-Spielchen, und nachher noch ein Eis ... Szenen einer paradoxen, unsensiblen Polit-Show.

Her mit den Kindern und hin zu den Kindern! Im laufenden Vorwahlsszenario stehen sie auf der Bühne.

Kinder sind der Renner dieser Wahlsaison. Um sie kreisen die Themen und sie sind Mittelpunkt der politischen Inszenierung: Wenn es um Familie, Kinderbetreuung, Kinderscheck, Karenzgeld oder Mißbrauch geht - Kinder sind mit von der Partie. Überall wird an ihnen herumgebusselt, getätschelt und gestreichelt. Besonders die Mädchen werden in fotogene Puppenposen gebracht. Lächeln auf Kommando ist angesagt, denn Kinderlachen kommt beim Wähler gut an. Aber niemand fragt, ob die Kinder das eigentlich wollen.

Man hält es schlicht für lieb: Etwa, wenn der fesche Kanzler mit der faserweichen Schmeichelstimme als Kinderküsser zur Eröffnung eines Hortes kommt - um nach Politslogans zu den Vorzügen der ganztägigen Kinderbetreuung seine vermeintliche Pflichtübung zu absolvieren: Kinderstreicheln vor der Kamera, Hoppa-hoppa-Reiter-Spiel am Sesselchen und die Einladung auf ein Eis.

Und es gilt doch als brav und nett, wenn die hübsche Fünfjährige neben einem zufrieden lächelnden FP-Chef mit immer länger werdenden Armen ein Taferl in die Kamera hält: "Warum nimmst Du mich vor Kinderschändern nicht besser in Schutz, Herr Bundeskanzler?"

Wie wohlerzogen sie doch sind! Die zwei putzigen Kinder einer Vorzeigefamilie bei der Präsentation des "Familienbuchs" der ÖVP. Auch nach zu langem und wenig kindgemäßen Politikersermon lächeln sie, umringt von Politikern und Photographen noch immer freundlich und adrett.

Wie nett auch die wahlwerbende Baumeisterfamilie auf allen Plakaten, wochenlang mit Kleinkind auf Familien-Wahltrip unterwegs. Wie knackig erst die Kinderpopos der Jörg-Danke-Kinder! Und wie treuherzig-dankbar die "Platz da!"-Kinder, unlängst in Prammers TV-Werbespot für die Ganztagsunterbringung.

Was sich schon im kürzlich abgelaufenen Landtagswahlkampf der Tiroler SP mit großflächigen Plakaten und Inseraten vom "Kinderlachen" angekündigt hat, das prägt den laufenden Wahlkampf: Die Parteien haben einen neuen Werbeträger, das Kind ist zum Wahlschlager geworden.

Gezielt setzen die Wahlstrategen in den Parteien auf das Kind als Vermittler von Werbebotschaften. Was für die Autoindustrie seinerzeit die kesse Blonde auf der Kühlerhaube war, das sind nunmehr die Kinder für die Wahlparolen der Spin-doctors in den "War rooms" der Parteien. Wie der Kommerz sich jedes Werbemittels für Geschäftszwecke bedient, scheut nun auch Parteipolitik nicht mehr davor zurück, Kinder zur gezielten Werbung und Steuerung bestimmter Emotionen zu benutzen.

Unschuldig und lieb Wissen Kinder eigentlich, wofür sie bei derartigen Inszenierungen herhalten müssen? Sind sie - wo doch so viel davon die Rede ist, Kinder "ernst" zu nehmen - gefragt worden, ob sie das auch wollen?

Solcherlei Fragen stellt sich kein Wahlkampfstratege. Im Wahlkampf sind Kinder für sie nichts anderes als leicht manipulierbare Statisten. Mit ihrem lieblichen Charme, ihrer unschuldigen Natürlichkeit belasten sie kein Wahlkampfbudget. Zum Nulltarif dient ihr unbeschwertes Lachen beispielsweise der Werbung für eine Familien- und Frauenpolitik, die drauf und dran ist, das letzte Kinderlachen aus dem familiären Nest zu vertreiben und in Krabbelstuben auszulagern. Zum Nulltarif auch dienen brave Kinder als Staffage für finanzielle Versprechungen, die dann nach der Wahl keinesfalls erfüllt werden können.

Die aktuelle Wahlkampfinszenierung mit Kindern macht einen weiteren Gesichtspunkt deutlich: Den eklatanten Widerspruch zwischen den vorgetragenen politischen Botschaften und der Art ihrer Vermittlung, den Widerspruch zwischen Inhalt und Kommunikationsform. Denn wenn schon alle gegen jede Form von Kindesmißbrauch - insbesondere den sexuellen Kindesmißbrauch - sind, dann müßte das auch in der Art der Vermittlung an den Wähler deutlich werden.

Es ist paradox und Ausdruck einer unsensiblen Polit-Inszenierung, wie der Kindesmißbrauch zwar ausdrücklich zum Wahlthema gemacht, gleichzeitig aber Kinder zu Statisten und Werbeträgern degradiert werden. Es ist es ein Mißbrauch von Kindern, sie im Wahlkampf als taferlhaltende Püppchen zu benutzen. Und treibt der eingangs erwähnte allzu liebe Polit-Onkel nicht auch eine Spielart des Kindesmißbrauchs?

Im laufenden Wahlkampf ist Pädophilie ein zentrales Thema. Seine Inszenierung liefert uns genügend Beispiele für eine ihrer Spielarten: für politische Pädophilie, den Mißbrauch von Kindern für Wahlkampfzwecke. Und davor sollte man die Kinder doch eigentlich schützen.