SAID: Lauter Tiere, die es nicht gibt

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SAID macht menschliche Eigenschaften in Tieren kenntlich.

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SAID macht menschliche Eigenschaften in Tieren kenntlich.

Die Mukarina singt beizeiten Schubertlieder und kann weder lesen noch schreiben. Sie nimmt Papyrusgras zu sich, was ihre Hoffnung nährt, doch noch irgendwann einmal beim Alphabet zu landen. Außerdem ist sie eine Farbenschluckerin. Ein Akt reiner Zuneigung für Liebende, um sie, wie es heißt, "vor ablenkung zu bewahren".

Tiere, die es nicht gibt, im bizarren Charakterkleid. Verfremdete Physiognomien, Wesen voll schillernder Geheimnisse. Das ist der erzähltechnische Rahmen, in den Said sein Bestiarium stickt. Der aus Teheran stammende Autor, der bereits seit 1965 in München lebt, breitet hier einen tierischen Kosmos aus, fein säuberlich ins Alphabet geschlichtet. Said literarisiert hier zwar phantastisches Getier, hat dabei aber auch viel Menschliches im Blick. In seine Tierbilder streut er auf amüsante Weise eigenwillige, spitzfindig formulierte menschliche Eigenschaften, die in Tierkostüme verpackt sofort ins Auge stechen. Da kommen Weltanschauungen und politische Ideologien ganz beiläufig daher, so beinhart selbstverständlich, wie sie uns auch im realen Leben begegnen. Für den Leser tun sich dabei verblüffende Einsichten und gefinkelt provozierte Assoziationen auf. Said pflegt ein vollmundiges Reden über die Liebe und stattet die Tiere mit einem ungewöhnlichen sozialen und emotionalen Verhalten aus.

Zwischendurch läßt er ganz Alltägliches hereinschneien. All das öffnet subtil ein Fenster auf das Leben und die Welt. Said erreicht eine schwebende Wanderung aus dem Gewohnten, indem er seinen Text mit Irritationen und rätselhaften Facetten anreichert, schön vermischt mit einer gehörigen Portion Humor.

Zwischen Agnostikern, Horchantennenträgern, Wörterspuckern oder Toleranzmeilenunterläufern verweigert der Elefant die Anerkennung des "bürgerkriegs als moderne form des dialoges". Die weise Eule parliert in einer "abart des lateinischen"; gesetzliche Festlegungen für Minderheiten lehnt sie aber ab: "minderheiten sollten für mehrheiten mehr verständnis zeigen." Das ewig lebende goldene Kalb "least das glück. seine fotokopierten bestandteile exportiert das tier in die dritte welt." Und die Katze? Im Unterschied zu anderen Minderheiten "läßt sie sich einfach nicht tolerieren". Der Yeti muß hier wohl ganz ohne Reinhold Messner auskommen. Trotzdem verläßt er einmal im Jahr seine Höhle, dann nämlich, wenn er seine nasse Seele zum Trocken ausbreitet. Und es könnte sein, daß die Zikade in Wirklichkeit gar nicht singt, sondern bloß die Sonne für den Winter zersägt, während andere in ihr aber eine blinde Landarbeiterin erkennen wollen, die dem Staat erst recht singend zu Leibe rückt. Neben sprachkritischen Effekten findet Said zu einer poetisch getragenen Sprache. Etwa, wenn es heißt, daß die Eule von den "Ablagerungen der Nacht" lebt und auf ihrem Sitz, der "abbruchkante der zeit", die "schmerzenden ordnungen des raumes" beobachtet.

Knapp, deskriptiv, geistreich, manchmal auch deftig malt er seine tierischen Psychogramme. Beeindruckend ist in diesen locker hingegossenen Tierbildern die Fülle an Kreativität. Mit diesem Bestiarium ist Said ein ironisch grundierter, scharfsinniger Text gelungen. Und es scheint fast, als käme da eine Welt in animalischer Manier zu sich.

Dieses Tier, das es nicht gibt.
Ein Bestiarium. Von SAID

Beck Verlag, München 1999. 84 Seiten, brosch., öS 175,-/e 12,72

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