Ein respektables Romandebüt von Johannes Gelich.

Die Ziegen und Schafe in den Karpaten vermittelten mir eine andere Gewissheit. Im Anblick der nassen Gras- und Waldstücke, auf denen die Schafe gleichmütig grasten, ging ich bald in der neuen Landschaft auf. So kam ich an in Iasi."

Florian Servaes, der diese Sätze schreibt, tritt eine Stelle an der Österreichischen Bibliothek in der ostrumänischen Universitätsstadt an, in der auch der Romanautor als österreichischer Lektor gearbeitet hat. Er begibt sich in eine archaisch-faszinierende Welt: "Der Wechsel der Jahreszeiten prägte hier noch den Alltag der Menschen. Im Westen bestimmte die Werbung, wann Frühling war und wann Herbst." Aber Österreich (und seine Herzmanovskysche Beamtenwelt) wird dabei ebenso zur Exotik: "Ich lebte jenseits der Karpaten in meiner österreichischen Inselverbannung", notiert Servaes. Die Brechung beider Welten aneinander, die Faszination des Fremden und das Sprengen touristischer Klischeebilder durch die Nähe zu Ilinka, die aus einem Karpatendorf stammt - "Die Leute wollen den Winter überstehen, und du willst Schlitten fahren", sagt sie einmal erbost zu ihm, der von der Dorfidylle fasziniert ist - machen ein respektables Romandebüt aus.

Gewürzt ist es durch die detektivische Suche nach dem verschwundenen Vorgänger, der illegalen Ikonenhandel betrieben hat und in ein Fischerhäuschen im Donau-Delta abgetaucht ist, nachdem ihm der Boden zu heiß geworden war. Diese detektivische Komponente bündelt die Gedanken und Beobachtungen und macht die Lektüre zur Unterhaltung. Transportiert wird dabei trotzdem erstaunlich viel an Ironisierung der komfortablen Resignation eines Mittdreißigers, der österreichischen Kulturbürokratie, aber auch der Rolle und Funktion von Literatur. Insgesamt also: Kein Roman, der mit dem großen Anspruch einer eigenen Weltdeutung antritt, wohl aber einer, der über verschiedene stilistische Register verfügt, mit genauer Kenntnis und leichter Hand seine Szenen entrollt und in ein Land führt, das zu Unrecht unserer Aufmerksamkeit entgeht.

DIE SPUR DES BIBLIOTHEKARS

Roman. Von Johannes Gelich

Otto Müller Verlag, Salzburg 2003

215 Seiten, geb., e 16,-

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