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Wo ein Wort noch wackeln kann

Norbert Mayer kreuzt sprachspielerisch durch lyrische Räume.

wenn / die welten näher kommen / schwärmen leicht gedanken aus", heißt es im Lyrikband des Vorarlberger Autors Norbert Mayer, in dem das Wort knisternd kracht und locker auseinander gefallen wieder neu zusammenwächst. Hier ist es in besonderer Weise Material für ungewöhnliche Sinnbewegungen und semantische Knoten.

Mayers Lyrik ist knapp, innovativ, aber auch spröd, sie regt zum Nachdenken und Spurensuchen an. Denn in diesen zwölf Minizyklen manifestieren sich allerhand antike, literarische und biblisch-sakrale Furchen. Um dürstende Putten geht es, um Ohlsdorf, "aller tage abend" und um Rausch und "pfefferland der sinne". Der Fleischwerdung des Wortes steht "maikrosoft" gegenüber und in den Medien haut nicht mehr Kain, sondern die Schlagzeile zu. Göttliche und irdische Schöpfung werden in einem fragwürdigen Paradox vereint. Von Dada bis Jandl klingt Experimentelles an, ohne dass Mayer es versäumt, auch die literarische Gegenwart in seine Textstrukturen einzuschreiben. Wie unterschiedlich Tempo, Thema und sprachliche Webkunst bei ihm sein können, zeigt dieser metaphorische Wolkenritt: "elstern astern glockenbunt / & ein himmel streunt herum". Ein paar Seiten weiter findet sich im "SURF-KURS" ein literarisiertes Netzgewebe: "wwwpunktwww / wwpunktww/ wpunktw/punkt // verdammt! / da war doch noch was // von wegen / groß & schlank & schön & stark // mein gott / in deinem spinnennetz".

Im Großen und Ganzen hat Mayer kein Faible für nur Poetisches. Ausgiebiges Verweilen in üppig bestückten Metapherngärten mögen andere lieben; er geht die Sache eher nüchterner an und rauscht durch verschiedenste Sprachebenen und knetet die Wörter, er bricht Buchstaben heraus und vermahlt sie neu. Mayer setzt auf jede Menge kursiv Gesetztes, Klammern, Schrägstriche und Sonderzeichen, die den Lesefluss unterbrechen und zum Innehalten zwingen. Manches aber versteigt sich allzu sehr und wirkt fast prätentiös. Doch die atemlos gestalteten Verse, geklebt, verbogen, glühend, zeigen auch, dass das Wort noch wackeln kann: "schwab for president / www.mariedl.ade / so schmeckt / havanna-blue / mit honigmilch / auf sauerklee / da / ein lachen / für die seele / dort / ein bisschen ewigkeit / nube-A-nube /(r)und-her-um-im / ringlgschpü"

Wortungen

Gedichte von Norbert Mayer

Haymon, Innsbruck 2004

128 Seiten, geb., e 15, 90

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