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Behindertenfrei

Ein Verweis mit der Hand in den leeren Raum war die Antwort einer Gruppe Studierender auf die Aufgabe, eine behindertenfreie Gesellschaft ohne Worte darzustellen. Die Botschaft dieser Lösung war verblüffend einfach und klar. Eine behindertenfreie Gesellschaft kann es nicht geben und der Versuch, sie zu schaffen, würde ins gesellschaftliche Nichts führen.

Doch angesichts der Beschleunigung von Produzieren und Konsumieren behindern die Langsamen, beim Spiel der Maximierung von Gewinn und Leistung stören alle jene, die nur sehr begrenzt mitspielen können, und in einer Spaßkultur werden jene hinter die Kulissen geschoben, angesichts derer mancher Spaß vergehen könnte und auf deren Kosten doch so viele Späße gemacht werden.

Und gleichzeitig gibt es Bemühungen um die gesellschaftliche Integration Behinderter, die besonders von Volksschulen getragen werden. Was aber hier in den letzten Jahre in Österreich aufgebaut worden ist, wird nun durch die Kürzungen im Bildungsbereich schwer gefährdet. Vor die Alternative gestellt haben sich die Länder in den Verhandlungen um das "Nulldefizit" für Kürzungen im Bildungsbereich und gegen Kürzungen in der Wohnbauförderung entschieden.

Die Schule war aber in ihrer Integrationsaufgabe auch bisher überfordert, wenn diese nicht Teil eines Integrationskonzeptes der Gemeinde oder Region ist. Und noch mehr war sie überfordert, wenn ein gesellschaftlicher (Un-)Geist behindertenfreie Zonen erzwingt, ein Geist, dessen Morbidität im Glanz von Gewinn, Erfolg und Leistung unerkannt bleibt.

Praktisch buchstabiert: Kann ein Gastronomiebetrieb es sich wirtschaftlich leisten, die behinderten Familienangehörigen ungehindert unter den Gästen verweilen zu lassen, oder muss er sie vor ihren Augen verbergen - vielleicht auch aus falsch verstandener Rücksicht auf Gäste, die im Umgang mit Behinderten so behindert sind, dass sie angesichts Behinderter ausbleiben?

Martin Jäggle ist Professor an der Religions-pädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

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