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Frei für Behinderte

Die irrsinnige Vorstellung einer behindertenfreien Gesellschaft wurde an dieser Stelle vor zwei Wochen kritisch beleuchtet. Anlass waren Überlegungen in einem Gastronomiebetrieb, aus Rentabilitätsgründen in Zukunft die behinderten Angehörigen von den Gästen fern zu halten.

Die überraschende und wunderbare Vorstellung der Gruppe "Ich bin ok" bei der Eröffnung des diesjährigen Wiener Opernballs steht im Widerspruch zur angeblich alternativlosen Unterwerfung unter gesellschaftliche Zwänge. Sie zeigt auf, dass gesellschaftliche Veränderungen möglich sind und Einzelpersonen sowie Institutionen dabei eine wichtige Rolle spielen.

Das Tanzprojekt der Gruppe "Ich bin ok" verbunden auch mit öffentlichen Aufführungen läuft ja nun schon länger und ist bereits eine Erfolgsgeschichte für sich, die keiner besonderen Erwähnung bedürfte, wäre Integration in Österreich normal.

Wie musste doch eine Abgeordnete zum Nationalrat vor kurzem noch darum kämpfen, als Rollstuhlfahrerin beim Opernball überhaupt eingelassen zu werden.

Welche Peinlichkeit hätte der Auftritt einer Gruppe Behinderter vor wenigen Jahren noch beim Ballpublikum hervorgerufen.

Nun aber trägt die ganze Institution Staatsoper dieses Tanzprojekt mit Behinderten, geadelt noch durch den Ehrenschutz der Frau des Herrn Bundespräsidenten. Es ist die Idee konkreter Personen, die auch die Durchführung tragen und es wird von Behinderten mit Leben erfüllt. Weil es ein wenn auch öffentlich wenig beachteter Teil der Arbeit des Hauses ist, war es ganz normal, die Gruppe "Ich bin ok" einzuladen, die Balleröffnung mitzugestalten ohne Effekthascherei, ohne doppelten Boden. Integration ist möglich und hat begonnen, Wirklichkeit zu werden. In der Sprache der Befreiungstheologie ist das wie Auferstehung, vom gesellschaftlichen Tod zum Leben zu kommen.

Martin Jäggle ist Professor an der Religions-pädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

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