Hollywood hinter den Kulissen

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"SKANDALAUTOR" BRET EASTON ELLIS MELDET SICH MIT EINEM NEUEN ROMAN.

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"SKANDALAUTOR" BRET EASTON ELLIS MELDET SICH MIT EINEM NEUEN ROMAN.

Wenn es um den US-amerikanischen Schriftsteller Bret Easton Ellis geht, dann sind Superlative die Regel. In den Medien wird er gern als meistgehasster oder umstrittenster Autor der Welt bezeichnet. Diese zweifelhafte Karriere begann 1985, als der erst 21 Jahre alte Ellis seinen schmalen Debütroman "Unter Null" veröffentlichte, einen Campus-Roman, der schildert, wie junge US-Amerikaner eines beliebigen Colleges mit Drogen, Sex und Gewalt der Langeweile ihres materiell gut ausgestatteten Daseins zu entkommen versuchen. Damit war Ellis zum Zeitdiagnostiker geworden, er beeinflusste zahlreiche andere Autoren weltweit - etwa die der sogenannten Pop-Literatur in Deutschland (mit Christian Kracht und anderen). Der Höhepunkt war aber zweifellos die Veröffentlichung von Ellis' Roman "American Psycho" im Jahre 1991. Dieses Buch war wegen seiner Gewaltszenen so umstritten, dass es die deutsche Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kurzerhand auf den Index setzte. Von 1995 bis 2001, als ein Gerichtsurteil das Verbot aufhob, durfte es in Deutschland nicht gedruckt, ge-oder verkauft werden. Dabei war bereits 2000 die Verfilmung des Romans in die Kinos gekommen.

Komplexe Erzählstruktur

Auch in der Folge sorgte Ellis für Überraschungen, obwohl seine Bücher alle um die bereits im Debüt vorgegebenen Themen kreisen. Die Literaturkritik ist ihm prinzipiell gewogen, da die scheinbare Einfachheit der Sprache mit einer komplexen erzählerischen Struktur einhergeht. In "American Psycho" beispielsweise bleibt in der Schwebe, ob der Broker Patrick Bateman die Morde und Vergewaltigungen wirklich begangen hat oder ob sie sich nur in seiner Fantasie abspielen. Im letzten großen Roman, "Lunar Park" (2005) schreibt der Autor über eine Figur namens Bret Easton Ellis -Autobiografie und Fiktion werden bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt.

Nun hat er wieder einen Roman geschrieben, der bereits vorab als neues skandalträchtiges Buch vermarktet wird. Es ist spannend zu beobachten, wie Verlage, Literaturkritik und Autor selbst an einer verkaufsfördernden Inszenierung mitwirken, obwohl der Roman, um den es geht (wie die vorherigen Romane auch), gerade solche Marktmechanismen aufs Grausamste und Schockierendste als Krankheitssymptome unserer Zeit erkennbar macht.

Der Roman ist weniger umfangreich als frühere, er gibt sich als eine Art Remake und Aktualisierung von "Unter Null". Es wird gezeigt, was aus Clay und seinen College-Freunden geworden ist, wie ihr Leben ein Vierteljahrhundert später aussieht. Clay ist angesehener Drehbuchschreiber in Los Angeles, er benutzt Menschen auf übelste Weise und kommt doch dem Leser beunruhigend nahe, weil der Roman konsequent aus der Ich-Perspektive erzählt ist. Der Spannungsbogen wird getragen durch eine mysteriöse Mordgeschichte, in die Clay unfreiwillig verwickelt wird. Die betroffen machenden Gewaltszenen unterscheiden den neuen Roman nicht von den früheren, auch wenn sie dosierter eingesetzt werden. Gelungen ist der Roman, weil sich Ellis mit seiner speziellen Technik des Erzählens die US-Filmbranche vornimmt und zeigt, wie deformiert die Menschen sein müssen, die nichts Wichtigeres kennen als ihr Aussehen und die für eine Filmrolle buchstäblich alles tun - wobei sie lediglich extreme Varianten des postmodernen Menschen darstellen. Clay ist eine hochneurotische und geradezu beängstigend realistische Figur, die zwischen der Sehnsucht nach "romantischer Liebe" und einem nahezu beispiellosen (selbstzerstörerischen Verhalten schwankt.

Blick in die Gesellschaft

Weniger überzeugen kann der Schluss, weil er einerseits zu wenig offen lässt und andererseits kaum motiviert erscheint. Auch wenn das Ende wirkt, als sei Ellis nichts wirklich Stimmiges mehr eingefallen, so hat er mit dem neuen Roman erneut gezeigt, dass er etwas über die westliche Gesellschaft, in der wir leben, zu sagen hat. Ob die Handlung nun so drastisch sein muss und inwieweit Ellis darin sich porträtiert oder damit selbst therapiert, sind müßige Fragen, die über die Qualität des Texts wenig aussagen.

Gut, dass der Verlag das Wortmonstrum "Königliche Schlafgemächer" als ursprünglich geplante Übersetzung des Titels wieder fallen gelassen hat, zumal der Roman nichts mit irgendwelchen Monarchen zu tun hat. Ellis zitiert den Songwriter Elvis Costello, das Zitat dient als ironischer Kontrast zu dem, was wirklich in den Schlafzimmern der Reichen von Los Angeles geschieht.

Imperial Bedrooms Von Bret Easton Ellis. Übersetzt von Sabine Hedinger. Kiepenheuer & Witsch 2010 240 S., geb., € 19,50

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