Träume sind keine Verheißungen

Träume spielen in Weihnachtserzählungen häufig eine Rolle, auch in den biblischen Geschichten von der Geburt Jesu.

Als Josef Verdacht schöpft, seine Frau könnte von einem anderen schwanger geworden sein, klärt ihn ein Engel im Traum über die tatsächlichen Zusammenhänge auf.

Die Weisen aus dem Morgenland werden im Traum vor Herodes und seinen Machenschaften gewarnt, und auch Josef wird von einem Engel, der ihm im Traum erscheint, zur Flucht nach Ägypten geraten. Jahre später wird es wiederum ein Engel sein, der Josef im Traum zur Rückkehr nach Israel auffordert.

Wie kommt es, dass uns heutzutage nur selten Engel im Traum erscheinen?

Sind Träume, wie der katholische Theologe Eugen Drewermann behauptet, die vergessene beziehungsweise von der modernen Rationalität verdrängte und unterdrückte Sprache Gottes?

Der Johannesprolog beginnt mit den Worten: "Im Anfang war das Wort ... Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit."

Schon Goethes Faust tut sich mit der Übersetzung des griechischen Urtextes schwer. Seine Lösung lautet. "Im Anfang war die Tat."

Drewermann hält dagegen: "Im Anfang war der Traum". Die Symbolwelten des Traums sind für ihn das Grundvokabular aller Religion.

Die Bibel sieht das durchaus anders. Sie leitet zum kritischen Umgang mit Träumen und Visionen an. Diese können nämlich, psychologisch betrachtet, der Ausfluss fragwürdiger Allmachtsphantasien sein.

Bei Träumen, gerade auch religiös gefärbten, handelt es sich zunächst nur Symbolisierungen menschlicher Wünsche, die nicht mit den Verheißungen Gottes verwechselt werden dürfen.

Gerade weil wir uns zu Weihnachten vieles wünschen, sollten wir uns an das Wort Dietrich Bonhoeffers erinnern:

"Gott erfüllt nicht all unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen."

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Syste-matische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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