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Die PErson und ihr rest

Anna Kim hat ein todernstes, ein todtrauriges, ein meisterliches Buch geschrieben.

Vierzig Tage lang lassen die Albaner im Kosovo nach dem Begräbnis eines Angehörigen die Zeit stillstehen, alle flüstern, die Männer rasieren sich nicht, niemand zieht die Uhren auf: Dann kann der Tote sich verabschieden. Was aber, wenn die Zeit schon viel länger stillsteht, wenn die Frau, die nun begraben wird, schon vor sieben Jahren gestorben ist, ermordet wurde von serbischen Banden, und ihr Mann sie so lange gesucht hat?

Anna Kims peinlich genau erzählte Geschichte beginnt mit der Nachricht vom Leichenfund und blendet sogleich ein halbes Jahr zurück, in das RoteKreuz-Zentrum in der Wiener Paulanergasse, wo die Ich-Erzählerin Nora den Kosovaren Luan für einen Suchauftrag interviewt. "Der Ante-Mortem-Fragebogen: Zweiundzwanzig Kapitel, die die Kennzeichen einer vermissten Person, Merkmale, die jene zu Lebzeiten, ante mortem, besaß, festhalten mit dem Ziel, durch Analyse und Vergleich mit Gebeinen, Knochenstücken, Daten post mortem, fündig zu werden. Der Fund ist nicht die Person, sondern ihr Rest." Der Antragsteller und die Angestellte kommen einander näher, überschreiten die Grenze zur Freundschaft. Nora, die ein Jahr als Volontärin beim Suchdienst in Prischtina gearbeitet hat, erklärt sich bereit, Luan zum Begräbnis seiner Frau zu begleiten.

Land der Leichen

Anna Kim, die in Südkorea geborene Österreicherin, die ihr Geburtsjahr 1977 mit der Vermissten teilt, hat sich nach ihrem Debüt "Die Bilderspur" (2004) von allen Erwartungen einer transkulturellen Identitätssuche freigeschrieben. Kims Kosovo ist ein Land der Leichen, in dem die Bilder Elfriede Jelineks von den unter der Humusschicht aufgetürmten Toten grausige Realität sind. Dieses Buch erzählt nicht nur von der Grausamkeit im Kriege, es reflektiert auch über die Möglichkeit, wie man davon überhaupt erzählen kann. Die Reflexion wird aber nicht ausgebreitet, vielmehr durchdringt sie den ganzen Text, eine strenge Übung, kein leichtfertiges Spiel und keine akademische Frage. Die Autorin hat sich für eine nüchterne und dabei diskret metaphorische Sprache entschieden, knapp und befremdlich, und mit der Sicherheit einer Schlafwandlerin trifft sie den richtigen Ton. Immer wieder unterbricht Kim den Fluss der Erzählung, geht ein, zwei Schritte zurück, jedoch nie so, dass der Leser nicht zu folgen vermöchte.

Sie führt Luan und uns in die Leichenhalle von Rahovec, wo Noras ehemaliger Liebhaber Sam als forensischer Anthropologe arbeitet, dem "das Denken vergangen" ist, sie zeigt das Obszöne der "obdachlosen Menschenreste, in ihrer Beliebigkeit anstößig", und sie stellt grundsätzliche Fragen, erforscht seelische Prozesse: Was heißt es, jemanden zu vermissen, der als vermisst gilt, und vermisst man ihn anders, wenn man ihn tot weiß? Und was sieht ein Mann, der seine der Erde entrissene Frau ein letztes Mal sehen will: ist ihr fragmentarisches Skelett sie? Dass Luan, den die Erzählerin als Du anspricht, schließlich dem Leben abhanden kommt, überrascht nicht. Anna Kim hat ein todernstes, ein todtrauriges Buch geschrieben: ohne Zweifel ein meisterliches.

Die gefrorene Zeit

Von Anna Kim

Droschl 2008

147 S., geb., e 18,50

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