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Ich bin eine Vollzeitreisende

1945 1960 1980 2000 2020

Anna Kim weiss von den vielfältigen Identitäten der Menschen. Sie interessiert sich für das Fremde – und schärft Sprache und Blick.

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Anna Kim weiss von den vielfältigen Identitäten der Menschen. Sie interessiert sich für das Fremde – und schärft Sprache und Blick.

Anna Kim antwortet der Frau, bei der sie in Nuuk, einer Stadt im Südwesten Grönlands, eine Woche lang wohnen wird, auf ihre Frage nach dem Herkunftsland, dass sie aus Österreich komme. Doch diese winkt ab, "so sähe keine Österreicherin aus". Die Grönländerin beharrt auf ihrem Blick: "Sie sagt, ich sähe aus wie eine Grönländerin. (...) Ich hätte diese Augen, sie deutet auf mein Gesicht, diese Augen. (...) Ich sei in Südkorea geboren, sage ich. (...) Ach Korea, sagt sie zufrieden und breitet ein Lächeln aus, wie ich auf Österreich komme, so etwas Absurdes, so etwas vollkommen Absurdes!"

Diese Szene beschreibt Anna Kim in ihrem Essay "Invasionen des Privaten"(Droschl 2011), in dem sie ihre Erfahrungen als Grönlandreisende reflektiert und darin von sich behauptet: "Die Reisende ist ein Großteil meiner Identität, ich bin Vollzeitreisende." Seit ihrem Debüt "Die Bilderspur"(Droschl 2004) setzt sich Kim in ihren Büchern mit der Erfahrung der Fremdheit auseinander, die ihren Blick geschärft hat für die vielfältigen Identitäten der Menschen. Es ist ihr Aussehen, das die 1977 als Tochter eines Künstlerpaares in Südkorea geborene Autorin, die nach ersten Jahren in Deutschland ab 1983 in Wien aufgewachsen ist, gleichermaßen als fremd oder aber, wie in Grönland, den Inuits ähnlich erscheinen lassen.

Eine Reportage wollte Kim zunächst über Grönland schreiben als Ergebnis eines Reisestipendiums, von der Kolonialisierung Grönlands durch die Dänen erzählen, aber auch von der Faszination eines Sehnsuchtsortes, wo Freiheit so real ist, wie sie nur sein kann. Die Reise in den Norden endete aber in ihrer "eigenen Biografie" und beschäftigte sie intensiver. Nach dem genau recherchierten Essay mit präzisen Erfahrungsberichten ist eine fiktive Stadt im Osten Grönlands Schauplatz ihres jüngsten Romans "Anatomie einer Nacht" (Suhrkamp 2012) geworden. Anlass dafür war eine Zeitungsmeldung, die von einer mysteriösen Selbstmordserie von elf Menschen in der Nacht vom 31. August auf den 1. September 2008 berichtet.

Tod und Sterben unter extremen Umständen

"Mich interessiert das Thema Tod und Sterben unter extremen Umständen", erzählte Kim in einem Interview. Schreiben, das ist für sie immer auch Wahrnehmen einer politischen Verantwortung. "Als Schriftstellerin habe ich die Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu informieren, Zusammenhänge zu erklären, zu hinterfragen", sagt sie in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Heinrich-Treichl-Preises des Österreichischen Roten Kreuzes 2009 für ihren Roman "Die gefrorene Zeit" (Droschl),"Denkmuster, Gewohnheiten aufzuzeigen und zu brechen. Darin sehe ich auch das Politische der Literatur, und darin sehe ich auch die Möglichkeiten der Literatur, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen."

Politischer Hintergrund dieses Romans ist die Tatsache, dass seit Ende des Krieges im ehemaligen Jugoslawien mehr als 30.000 Menschen als vermisst gemeldet wurden. Erzählt wird aus der Perspektive von Nora, die als Mitarbeiterin des Roten Kreuzes bei der Suche nach den Vermissten hilft, ein Jahr in Prishtina gearbeitet hat, und in Wien Luan Alushi aus dem Kosovo begegnet, der nach seiner seit sieben Jahren vermissten Ehefrau Fahrie sucht. Grundlage der Suche ist der standardisierte Anti-Mortem-Fragebogen: "Zweiundzwanzig Kapitel, die die Kennzeichen einer vermissten Person, Merkmale, die jene zu Lebzeiten, ante mortem besaß, festhalten mit dem Ziel, durch Analyse und Vergleich mit Gebeinen, Knochenstücken, Daten post mortem, fündig zu werden. Der Fund ist nicht die Person, sondern ihr Rest."

Die Ich-Erzählerin bewegt sich in eine fremde Kultur, lotet Nähe und Distanz aus, lässt sich ein auf existenzielle Erfahrungen. Was ist Erinnerung, wie wichtig ist es, zu erfahren, dass Fahrie wirklich tot ist, wie beeinflusst die ebenso erhoffte wie gefürchtete Bestätigung des Todes Trauer und Abschied, was passiert mit der Zeit? Nora reflektiert: "es ist nicht dein Leben, das eingefroren ist, sondern deine Zeit, gefrorene Zeit, die nicht zählt, von der du dir wünscht, sie würde endlich vergehen, dabei vergeht sie, da gefroren, unendlich langsam."

Kims Roman ist ein trauriges, aber nie larmoyantes oder sentimentales Buch, das die Möglichkeiten des Erzählens und Erinnerns an die Grausamkeiten eines Krieges sprachlich auslotet: "Vermissen ist eine Form des Erinnerns, sagst du. Es ist abhängig von der Qualität des Gedächtnisses, vergisst man leicht, vermisst man weniger."

Einsamkeit am Ende der Welt

Anna Kim lässt sich bei ihrer Arbeit Zeit, genaue Recherchen und eigene Reisen gehen dem Schreibprozess voran, vier Jahre hatte es gedauert, bis der Roman "Die gefrorene Zeit" als Buch vorlag. Einige Jahre lang schon dauert ihre Beschäftigung mit dem Thema Grönland. Sie ist neugierig auf die Fremdheit der Welt, auf die Abgründe in einem Land der Extreme und genießt dabei ihre Rolle, die für sie "mehr als nur eine Rolle ist - es ist ein Existenzkonzept, meine natürliche Umgebung, die Fremde ist der Ort, an den ich hingehöre."

In ihrem neuen Roman "Anatomie einer Nacht" seziert Anna Kim präzise die Widersprüche und Brüche in den Lebensläufen einer gespaltenen Gesellschaft, die geprägt ist von einer Kolonialgeschichte zwischen Assimilation und Identitätsverlust. Die Schnitttechnik der Erzählerin ist beeindruckend nüchtern und beobachtend, sie besitzt den "verzogenen" Blick, der Dinge wahrnimmt, "die er nicht hätte sehen sollen". Die Stadt Amarâq liegt "am Ende der Welt", der Atem "ist das Prinzip des Lebens". In dieser Kältezone bedeutet die Liebe für die Menschen einzige Rettung und Erlösung, weshalb sie gleichzeitig zu ihrem Verhängnis wird. Zentrale Befindlichkeit ist die Einsamkeit, die Isolation breitet sich langsam aus und "infiziert jeden, der sie nicht leugnet, bis alle Bewohner Amarâqs den Keim einer tödlichen Krankheit in sich tragen." Anna Kim erzählt die letzten Stunden zwischen 22:00 und 03:00 Uhr von elf Menschen, deren Lebensgeschichten sich nur selten berühren, so spannend, dass man beim Lesen bisweilen zu frieren beginnt.

Anatomie einer Nacht

Roman von Anna Kim Suhrkamp 2012 303 S., geb., € 20,60

Anna Kim antwortet der Frau, bei der sie in Nuuk, einer Stadt im Südwesten Grönlands, eine Woche lang wohnen wird, auf ihre Frage nach dem Herkunftsland, dass sie aus Österreich komme. Doch diese winkt ab, "so sähe keine Österreicherin aus". Die Grönländerin beharrt auf ihrem Blick: "Sie sagt, ich sähe aus wie eine Grönländerin. (...) Ich hätte diese Augen, sie deutet auf mein Gesicht, diese Augen. (...) Ich sei in Südkorea geboren, sage ich. (...) Ach Korea, sagt sie zufrieden und breitet ein Lächeln aus, wie ich auf Österreich komme, so etwas Absurdes, so etwas vollkommen Absurdes!"

Diese Szene beschreibt Anna Kim in ihrem Essay "Invasionen des Privaten"(Droschl 2011), in dem sie ihre Erfahrungen als Grönlandreisende reflektiert und darin von sich behauptet: "Die Reisende ist ein Großteil meiner Identität, ich bin Vollzeitreisende." Seit ihrem Debüt "Die Bilderspur"(Droschl 2004) setzt sich Kim in ihren Büchern mit der Erfahrung der Fremdheit auseinander, die ihren Blick geschärft hat für die vielfältigen Identitäten der Menschen. Es ist ihr Aussehen, das die 1977 als Tochter eines Künstlerpaares in Südkorea geborene Autorin, die nach ersten Jahren in Deutschland ab 1983 in Wien aufgewachsen ist, gleichermaßen als fremd oder aber, wie in Grönland, den Inuits ähnlich erscheinen lassen.

Eine Reportage wollte Kim zunächst über Grönland schreiben als Ergebnis eines Reisestipendiums, von der Kolonialisierung Grönlands durch die Dänen erzählen, aber auch von der Faszination eines Sehnsuchtsortes, wo Freiheit so real ist, wie sie nur sein kann. Die Reise in den Norden endete aber in ihrer "eigenen Biografie" und beschäftigte sie intensiver. Nach dem genau recherchierten Essay mit präzisen Erfahrungsberichten ist eine fiktive Stadt im Osten Grönlands Schauplatz ihres jüngsten Romans "Anatomie einer Nacht" (Suhrkamp 2012) geworden. Anlass dafür war eine Zeitungsmeldung, die von einer mysteriösen Selbstmordserie von elf Menschen in der Nacht vom 31. August auf den 1. September 2008 berichtet.

Tod und Sterben unter extremen Umständen

"Mich interessiert das Thema Tod und Sterben unter extremen Umständen", erzählte Kim in einem Interview. Schreiben, das ist für sie immer auch Wahrnehmen einer politischen Verantwortung. "Als Schriftstellerin habe ich die Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu informieren, Zusammenhänge zu erklären, zu hinterfragen", sagt sie in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Heinrich-Treichl-Preises des Österreichischen Roten Kreuzes 2009 für ihren Roman "Die gefrorene Zeit" (Droschl),"Denkmuster, Gewohnheiten aufzuzeigen und zu brechen. Darin sehe ich auch das Politische der Literatur, und darin sehe ich auch die Möglichkeiten der Literatur, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen."

Politischer Hintergrund dieses Romans ist die Tatsache, dass seit Ende des Krieges im ehemaligen Jugoslawien mehr als 30.000 Menschen als vermisst gemeldet wurden. Erzählt wird aus der Perspektive von Nora, die als Mitarbeiterin des Roten Kreuzes bei der Suche nach den Vermissten hilft, ein Jahr in Prishtina gearbeitet hat, und in Wien Luan Alushi aus dem Kosovo begegnet, der nach seiner seit sieben Jahren vermissten Ehefrau Fahrie sucht. Grundlage der Suche ist der standardisierte Anti-Mortem-Fragebogen: "Zweiundzwanzig Kapitel, die die Kennzeichen einer vermissten Person, Merkmale, die jene zu Lebzeiten, ante mortem besaß, festhalten mit dem Ziel, durch Analyse und Vergleich mit Gebeinen, Knochenstücken, Daten post mortem, fündig zu werden. Der Fund ist nicht die Person, sondern ihr Rest."

Die Ich-Erzählerin bewegt sich in eine fremde Kultur, lotet Nähe und Distanz aus, lässt sich ein auf existenzielle Erfahrungen. Was ist Erinnerung, wie wichtig ist es, zu erfahren, dass Fahrie wirklich tot ist, wie beeinflusst die ebenso erhoffte wie gefürchtete Bestätigung des Todes Trauer und Abschied, was passiert mit der Zeit? Nora reflektiert: "es ist nicht dein Leben, das eingefroren ist, sondern deine Zeit, gefrorene Zeit, die nicht zählt, von der du dir wünscht, sie würde endlich vergehen, dabei vergeht sie, da gefroren, unendlich langsam."

Kims Roman ist ein trauriges, aber nie larmoyantes oder sentimentales Buch, das die Möglichkeiten des Erzählens und Erinnerns an die Grausamkeiten eines Krieges sprachlich auslotet: "Vermissen ist eine Form des Erinnerns, sagst du. Es ist abhängig von der Qualität des Gedächtnisses, vergisst man leicht, vermisst man weniger."

Einsamkeit am Ende der Welt

Anna Kim lässt sich bei ihrer Arbeit Zeit, genaue Recherchen und eigene Reisen gehen dem Schreibprozess voran, vier Jahre hatte es gedauert, bis der Roman "Die gefrorene Zeit" als Buch vorlag. Einige Jahre lang schon dauert ihre Beschäftigung mit dem Thema Grönland. Sie ist neugierig auf die Fremdheit der Welt, auf die Abgründe in einem Land der Extreme und genießt dabei ihre Rolle, die für sie "mehr als nur eine Rolle ist - es ist ein Existenzkonzept, meine natürliche Umgebung, die Fremde ist der Ort, an den ich hingehöre."

In ihrem neuen Roman "Anatomie einer Nacht" seziert Anna Kim präzise die Widersprüche und Brüche in den Lebensläufen einer gespaltenen Gesellschaft, die geprägt ist von einer Kolonialgeschichte zwischen Assimilation und Identitätsverlust. Die Schnitttechnik der Erzählerin ist beeindruckend nüchtern und beobachtend, sie besitzt den "verzogenen" Blick, der Dinge wahrnimmt, "die er nicht hätte sehen sollen". Die Stadt Amarâq liegt "am Ende der Welt", der Atem "ist das Prinzip des Lebens". In dieser Kältezone bedeutet die Liebe für die Menschen einzige Rettung und Erlösung, weshalb sie gleichzeitig zu ihrem Verhängnis wird. Zentrale Befindlichkeit ist die Einsamkeit, die Isolation breitet sich langsam aus und "infiziert jeden, der sie nicht leugnet, bis alle Bewohner Amarâqs den Keim einer tödlichen Krankheit in sich tragen." Anna Kim erzählt die letzten Stunden zwischen 22:00 und 03:00 Uhr von elf Menschen, deren Lebensgeschichten sich nur selten berühren, so spannend, dass man beim Lesen bisweilen zu frieren beginnt.

Anatomie einer Nacht

Roman von Anna Kim Suhrkamp 2012 303 S., geb., € 20,60