Humanitärer Spalt im Korea-Zaun

Seit zwei Wochen wieder erlaubt: Begegnungen von Familienangehörigen, die seit der Teilung Koreas voneinander getrennt sind.

Die Zeit drängt - während eine Dolmetscherin seine Antworten aus dem Koreanischen ins Englische übersetzt, schaut Choi Young-Woon immer wieder auf seine Armbanduhr mit einem leuchtend roten Rot-Kreuz-Symbol am Ziffernblatt. Der Leiter der Abteilung für interkoreanische Kooperation des Roten Kreuzes in Seoul ist im Arbeitsstress: Vor zwei Wochen hat Nordkorea nach 13 Monaten Unterbrechung wieder die Erlaubnis zu Treffen zwischen getrennten Familien aus Süd-und Nordkorea erteilt. Aus Protest gegen die Sanktionen wegen seiner Atomtests war das Regime in Pjöngjang so lange zu keiner Zusammenarbeit mit dem Süden mehr bereit gewesen. Die jüngsten Annäherungen im Atomstreit wirken sich jedoch auch positiv auf den humanitären Bereich in den zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen Nord-und Südkorea aus: Tausende seit über 50 Jahren getrennte Familien dürfen wieder auf eine Begegnung hoffen.

Von beiden Kims erlaubt

Doch mehr noch als beim Gespräch der Furche mit Choi Young-Woon drängt die Zeit bei den Familienbegegnungen: 1998 waren beim Roten Kreuz in Südkorea 127.000 Menschen registriert, die nahe Verwandte im Norden hatten. Sehr viele sind seither gestorben, ohne ihre Angehörigen gesehen zu haben. Heute sind es noch etwas mehr als 93.000, die auf ein Treffen warten; die meisten davon zwischen 60 und 90 Jahre alt, rund 3000 bereits über 90 - "besonders wegen der sehr alten Menschen müssen wir die Familienzusammenführungen beschleunigen", sagt Choi, "denn zehn von ihnen sterben jeden Tag."

Überhaupt erst möglich geworden sind diese Begegnungen seit dem legendären Gipfelgespräch zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-Jung und dessen nordkoreanischen Widerpart Kim Yong-Il am 15. Juni 2000. Genau zwei Monate später durften 100 Südkoreaner für vier Tage nach Pjöngjang und ihre Angehörigen in Hotels oder anderen "neutralen Orten" umarmen. 14 Treffen habe seither wechselseitig in Nord und Süd stattgefunden - doch immer nur 100 Menschen dürfen in das jeweilige Nachbarland, viel zu wenig, um den riesigen Rückstau an Anfragen abzuarbeiten.

Choi Young-Woon hat selbst Verwandte in Nordkorea. Doch seine Eltern im Süden und ihre Geschwister im Norden sind noch zu jung und müssen deswegen warten, bis sie eine höhere Prioritätsstufe erreichen und damit die Erlaubnis für ein Zusammentreffen erhalten. Mit Videokonferenzen will das Rote Kreuz nun die Zahl der Begegnungen erhöhen. Und für die Ältesten und Gebrechlichsten in den seit der Teilung der koreanischen Halbinsel auseinander gerissenen Familien ist diese Form der Kontaktaufnahme sowieso die einzige und erste und wahrscheinlich letzte Chance auf ein Wiedersehen.

Drei Kinder zurückgelassen

"Das Erste was auffällt, ist die große Schachtel mit Papiertaschentüchern auf jedem Tisch", schreibt Anne Schneppen, die bei einer Videokonferenz Ende März anwesende Südkorea-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in ihrem Bericht über diese Treffen via Flachbildschirm: "Es gibt viele Tränen zu trocknen." Bei einer Begegnung mit Schneppen am Empfang für den Bundespräsidenten in der österreichischen Botschaft in Seoul bestätigt sie dem Furche-Kollegen die großen Emotionen, die das Wiedersehen bei den insgesamt 120 Familien ausgelöst hat.

Vergebungsbitten, Tränen …

Choe Byeong-Ok war mit 102 Jahren der älteste Teilnehmer aus dem Süden bei dieser Videoschaltung über die am strengsten bewachte Grenze der Welt hinweg: "Du musst mein Vater sein, ich grüße dich!", sagt sein mittlerweile 72-jährige Sohn im Fernseher und fügt hinzu: "Du hast drei Kinder zurückgelassen!" Dann wird er von seinen Gefühlen übermannt, bricht in Tränen aus und fällt auf die Knie.

Auch eine alte Frau kann vor Rührung kaum sprechen, berichtet der ebenfalls an der Videokonferenz teilnehmende ARD-Korrespondent Mario Schmidt. "Große Schwester, du bist es wirklich. Ich kann es nicht glauben", sagt sie unter Tränen. Die ältere Schwester sitzt in Pjöngjang auf einem Sofa vor alten Vorhängen. Sie grüßt mit zittrigen Händen.

Der 95-jährige Lie Chang-Hwa wiederum hat seine Söhne in die schalldichten mit Kamera und TV-Anlagen ausgestatteten Kabinen im Rot-Kreuz-Gebäude von Seoul mitgebracht. Die beiden älteren Kinder von Herrn Lie sind während der Kriegswirren in Nordkorea zurückgeblieben. Als die beiden ihren Vater auf dem Bildschirm erkennen, verbeugen sie sich. "Seid ihr meine Kinder?", fragt er in die Kamera. "Ja, Vater, grüß dich!", antwortet die Tochter. Damals war sie in der zweiten Klasse. "Es ist alles meine Schuld", sagt er. "Ich bitte um Vergebung, dass ich euch nicht rechtzeitig geholt habe." Dann reden sie über die Familie: Wer ist wann gestorben? Wer geboren? - und als die Zeit abgelaufen ist, gehen der Vater und seine Kinder in Nordkorea winkend auseinander.

Zwei Stunden für 57 Jahre

Jede Familie hat zwei Stunden Zeit, die letzten Jahrzehnte der Trennung nachzuholen. Viele waren vor dem Termin nervös und unsicher, schreibt Anne Schneppen: "Was sagt man Verwandten, die man 57 Jahre nicht gesehen hat und die man mit einer unbedachten Bemerkung womöglich in Gefahr bringt?" Politik, Wirtschaft, Militär und Religion sowie der nordkoreanische Diktator Kim Yong-Il dürfen in den Gesprächen nicht thematisiert werden. Ein Aufpasser im Regieraum in Seoul verfolgt die Gespräche - in Pjöngjang wird es sicher nicht anders, eher um vieles strenger sein.

Doch die Menschen wollen gar nicht über jene Politik und Politiker diskutieren, der und denen sie letztlich ihre Trennung verdanken; sie tauschen vielmehr die Familiengeschichten aus, halten Fotos in die Kamera, schauen, erzählen, fragen, hören zu, lachen, weinen … Dass sie sich nicht umarmen, drücken, küssen können, ist der Wermutstropfen dieser Videokonferenzen. Aber mit ihrer ausgewählten Kleidung - viele Nordkoreaner präsentieren ihre Orden, südkoreanische Frauen tragen den farbenfrohen Hanbok, die traditionelle Tracht - signalisieren sie, dass dieser Wiedersehenstag auch so ein großer Festtag ist. Eine Frau sagt mit Tränen in den Augen: "Wir sind überglücklich, dass wir unseren älteren Bruder sprechen konnten. Ich wünsche mir so, dass sich alle getrennten Familien treffen dürfen."

Polit-Tauwetter nützen

Auch Rot-Kreuz-Koordinator Choi Young-Woon ist dieser Wunsch ein Herzensanliegen. Bei jedem dieser Treffen denkt er an seine Eltern, die sich nach einem Wiedersehen mit ihren Geschwistern sehnen; doch es sind einfach zu viele Anfragen, sagt er, dann schaut er wieder auf seine Armbanduhr, die Zeit drängt, er muss zu einem nächsten Termin. Um den Zeitdruck bei den immer älter werdenden getrennten Angehörigen ein wenig zu entschärfen, peilt er monatliche Videokonferenzen in acht südkoreanischen Städten an; und dazu noch vier Begegnungsreisen im Jahr, bei denen sich die Verwandten von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen können - das momentane politische Tauwetter gilt es zu nützen, keiner weiß, ob es nicht sehr schnell wieder von einer neuen Eiszeit zwischen Pjöngjang und Seoul abgelöst wird.

Rot-Kreuz-Mitarbeiterin Ah Rum-Lee löst ihren Chef beim Furche-Interview ab. Bevor sie bei der innerkoreanische Kommunikationsstelle des Roten Kreuzes gearbeitet hat, war der jungen Frau das Ausmaß der Familientragödien nicht bewusst: "So wie alle hier habe ich gewusst, dass Familien durch die Grenze getrennt sind, aber ich habe mir nicht gedacht, dass die Teilung des Landes so viele betroffen hat und immer noch so viele betrifft." Für die Zukunft Nord-und Südkoreas ist sie optimistisch - so wie der 65-jährige Nordkoreaner Park Un-Jin, der zu seiner 85-jährigen Mutter aus dem Süden gesagt hat: "Du musst bis zur Wiedervereinigung leben, damit wir wieder zusammen sein können."

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