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Reisen ins Fremde ich

"Auf befremdliche Weise ist der Fremde in uns selbst: Er ist die verborgene Seite unserer Identität, der Raum, der unsere Bleibe zunichte macht." Dieses Zitat von Julia Kristeva stellt Anna Kim ihrem kleinen Essay "Invasionen des Privaten"(Droschl) voran und dann nimmt sie die Leser mit nach Grönland, aber nicht nur. Die Beobachterin wurde, schreibt Kim, mitten in die Handlung gezogen, und so wurde ihre Reise in den Norden auch zu einer Reise in die eigene Biografie.

Was eine Reise zu bewirken vermag in Reisenden, die sich auf ein solches Geschehen einlassen, vermag manchmal auch die Literatur: Sie bietet den Lesern die Möglichkeit, mit Reisen im Außen auch ins eigene Innere zu reisen. Mit der Bezeichnung Außen stößt man allerdings schon auf eine auffällige Eigenart: Denn das Außen der Literatur ist ja kein Außen, eine literarische Reise nach Indien zum Beispiel ist keine Reise nach Indien -und ist das doch: Willkommen im spannenden, verwirrenden Reich der Literatur.

Reisen im Außen werden zu Reisen nach innen: Man muss dazu nicht unbedingt Joseph Conrads "Herz der Finsternis" zitieren, aber es bleibt wohl eines der berühmtesten Beispiele für Literatur, in der man auf der Reise wie der Erzähler das Fremde (und hier: das Grauen, vielleicht auch den eigenen Rassismus) nicht nur im Außen und bei anderen, sondern auch in sich selber entdeckt.

Bunte Literaturlandschaft

Dieses Booklet legt anlässlich des Welttages des Buches am 23. April den Fokus auf österreichische Autorinnen und Autoren bzw. heimische Verlage, und dass es in diesem Bereich ganz und gar nicht provinziell zugeht, zeigt unter anderem Evelyne Polt-Heinzls Rückblick auf das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Die bunte österreichische Literaturlandschaft prägen auch Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund, wie Julya Rabinowich und Anna Kim. Nicht nur sie fordern ihre Leserinnen und Leser heraus, Identität neu zu denken.

"Identität ist nur akzeptabel, solange sie rein ist, ist sie gemischt, wird ihr der Status von Identität aberkannt; Reinheit aber kann nur erreicht werden, wenn alles Andere, alle Risse, alle Widersprüche, alle Nähte geschlossen, wenn klare Fronten geschaffen werden." In ihrem Grönland-Essay entdeckt Kim Entsprechungen zwischen den Kindern der Kolonialisierten und den Kindern der Zugewanderten. "Warum ist es so schwierig zu akzeptieren, dass Abstammung und Identität nicht immer übereinstimmen müssen", zitiert sie "die falsche Grönländerin" Karen. "Und sie äußert den Verdacht, dass der gängige Begriff von Identität ein fundamentalistischer sei: Wir sind identitätswahnsinnig, sagt sie."

Das nächste

BOOKLET erscheint am

5. Mai 2011 als Beilage in der FURCHE Nr. 18/11.

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