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Moralist mit Hoffnung

Im Booklet-Gespräch spricht der niederländische Kinderbuch-Autor Guus Kuijer über Traurigkeit und Glück, die Bedeutung von Kunst und Literatur, starke Mädchen und das Schreiben für Kinder.

Guus Kuijer wurde 1942 in Amsterdam geboren und unterrichtete einige Jahre in einer Volksschule, bis er 1975 sein erstes Kinderbuch veröffentlichte. Er ist vielfach mit dem Goldenen Griffel, dem renommiertesten Kinderliteraturpreis der Niederlande ausgezeichnet und zählt heute zu den bekanntesten Kinderbuchautoren im mitteleuropäischen Raum. Einen Höhepunkt seines Erfolgs markiert die fünfbändige Serie rund um Polleke, ein selbstbestimmtes Mädchen, das sich in ihrem von desperaten Familienverhältnissen und multikulturellen Spannungen geprägten Umfeld mit viel Mut und Lebensklugheit unter Beweis stellt. Besondere Aufmerksamkeit erzielte 2006 Kuijers Kinderroman "Das Buch von allen Dingen", das über die Konfrontation eines Neunjährigen mit seinem gewaltbereiten, von religiösem Fanatismus getriebenen Vater erzählt. "Das Buch von allen Dingen" wurde in die Auswahlliste des Katholischen Kinderbuchpreises der Deutschen Bischofskonferenz aufgenommen.

Das Gespräch führte Heidi Lexe.

Der niederländische Autor Guus Kuijer spricht im BOOKLET-Gespräch über Traurigkeit und Glück, die Bedeutung von Kunst und Literatur, starke Mädchen und das Schreiben für Kinder.

BOOKLET: Sie beginnen Ihren Kinderroman "Das Buch von allen Dingen" mit dem selben Anfangssatz, mit dem Erich Kästner "Emil und die Detektive" begonnen hat. Für Erich Kästner war das moralisch richtige Handeln seiner Figuren immer sehr wichtig. Gilt das auch für Ihre Kinderbuchfiguren?

GUUS KUIJER: Ich bin ein Moralist und ich denke, dass jene Menschen Moralisten sind, die noch Hoffnung haben: Menschen, die sagen, wenn wir die Dinge so - oder so - machen würden, hätten wir eine bessere Welt. Polleke ist eine Moralistin. Sie sagt, was sich gehört und was nicht. Das klingt manchmal ein bisschen naseweis. Aber so findet der Mensch seinen Weg, mit "Naseweisheit".

BOOKLET: Mit Erich Kästner teilen Sie auch die positive Grundstimmung Ihrer Bücher. Auch dann, wenn ein Stück beschädigte Kindheit dargestellt wird.

KUIJER: Wenn man selbst glücklich ist, kommt diese positive Grundhaltung von selbst. Wenn ich traurige Bücher schreiben würde, käme es mir vor, als würde ich lügen. Denn ich glaube, dass es die Liebe gibt und dass es möglich ist, gleichzeitig traurig und glücklich zu sein.

BOOKLET: "Emil und die Detektive" ist das erste Buch, das Thomas in "Das Buch von allen Dingen" von Frau Van Amersfoort geschenkt bekommt, damit er mutiger wird. Das Buch hat heilende Funktion für ihn. Kann Literatur gesund machen?

KUIJER: Ich glaube, es ist eine Hilfe. Mir hat es sehr geholfen. Was Frau Van Amersfoort macht, ist, Thomas eine Alternative aufzuzeigen. Sie zeigt ihm, dass es auch eine andere Welt gibt als die, in der er lebt, andere Gefühle, andere Gedanken. In Thomas' Welt ist Schönheit nicht wichtig. Musik oder Literatur spielen keine Rolle in seiner Familie. Frau Van Amersfoort zeigt ihm, dass Kunst eine Alternative sein kann.

BOOKLET: Ihre Figuren erleben auch immer wieder kleine Wunder. Andererseits heißt es bei Polleke: "Wunder kann man nicht bestellen."

KUIJER: Wunder in der Art von Phantasie und Halluzination und Träumen helfen manchmal - das glaube ich schon. Mit Vorstellungskraft kann man seine eigene Welt ändern. Aber ein Wunder, das erwartet oder verlangt wird, kommt nicht. Manchmal muss man für ein Wunder auch arbeiten: Als ich 15 war und ich mir vorgestellt habe, ein Schriftsteller zu sein, erschien mir das als unmöglicher Traum. Aber es kann sein, wenn man übt und übt, dann geschieht es vielleicht.

BOOKLET: In "Das Buch aller Dinge" geht es sehr zentral um Schuld. Der Vater wird schuldig an seiner Familie. Statt der Plagen Ägyptens jedoch kommt eine illustre Frauenrunde über ihn. Ist es an den Frauen, dass alles zum Guten kommt?

KUIJER: Das Buch spielt in den 50er Jahren. In Holland gab es in den 1960er Jahren einen regelrechten Aufstand von Frauen und Kindern. Sie waren es, die unsere Gesellschaft geöffnet haben.

BOOKLET: Starke Mädchenfiguren spielen in all Ihren Büchern eine wichtige Rolle.

KUIJER: Ja, und dabei ist es von Vorteil, dass ich kein Mädchen bin und so Abstand zu meinen Mädchenfiguren habe. Wenn ich über Jungen schreibe, brauche ich sehr viel mehr Erfahrung, um nicht persönlich zu werden. Dazu kommt, dass ich Frauen gerne mag.

BOOKLET: Von Ihrer Figur Polleke haben Sie einmal gesagt, dass Sie sie nicht nur mögen, sondern lieben.

KUIJER: Ja, das ist passiert, als ich dabei war, das Buch zu schreiben - das war toll. Manchmal kommen Bücher zu dir. Es ist keine Mühe, sie zu schreiben. Man verliebt sich.

BOOKLET: In Ihren Büchern zeigt sich ein besonderer Kinderblick auf die Welt.

KUIJER: Weil Kinder viele Dinge zum ersten Mal sehen, haben sie einen originalen Blick. Ich kann als Schriftsteller eine Kinderfigur nutzen, um einen frischen Blick auf die Welt zu bekommen.

BOOKLET: Sie nutzen diesen Kinderblick auch, um ganz vorbehaltlos an bestimmte Themen heranzugehen. Polleke zum Beispiel geht erfrischend respektlos an das Thema Rassismus heran.

KUIJER: Das kam, weil ich mich ein bisschen geärgert habe, weil alles, was man sagt, als Rassismus gewertet wird und man gar nichts mehr sagen kann.

BOOKLET: Sind mutige und vorbehaltlose Figuren wie Polleke etwas typisch Niederländisches? Die niederländische Kinderliteratur erscheint viel weniger themenorientiert als die deutschsprachige.

KUIJER: Ich finde, ein Buch ist nicht ein behandeltes Thema. Man kann sagen: Kannst du ein Buch über Aids schreiben? Dann würde ich immer sagen: Nein. Es kann passieren, dass in meinen Büchern das Thema vorkommt, aber das mache ich nicht mit Absicht. Man schreibt aus dem Gefühl und dem eigenen Bedürfnis heraus. Man schreibt nicht, weil es ein Buch über Gewalt geben muss, aber es kann ein Bedürfnis sein, über Gewalt zu schreiben.

BOOKLET: Kennt die niederländische Kinderliteratur weniger Tabus als die deutschsprachige?

KUIJER: Das kann sein. Aber es gibt in Holland auch Tabus. Und wir sind uns dessen auch bewusst. Ich habe niemals etwas geschrieben, nur um ein Tabu zu brechen. Das ist nicht interessant für mich. Wenn es trotzdem so ist, ist es schön, aber ich lege es nicht darauf an.

BOOKLET: Sie haben Kinderbücher in ganz unterschiedlichen Genres veröffentlicht: Ein Abenteuerbuch, einen phantastischen Roman, eine Serie. Zeigt sich da die Lust am Ausprobieren?

KUIJER: Nein. Ich kann nicht anders. In Holland macht man einen großen Unterschied zwischen Literatur für Kinder und Lektüre für Kinder. Und ich will Literatur machen.

BOOKLET: Unterscheidet sich aus Ihrer Sicht das Schreiben für Kinder vom Schreiben für Erwachsene?

KUIJER: Wenn ich eine Hauptfigur wähle, die 80 Jahre alt ist, dann ändert sich für mich die Landschaft der Sprache. Dann wird meine Sprache 80 Jahre alt. Wenn ich eine 10-jährige Hauptfigur wähle, dann verwende ich keine Wörter, die Kinder nicht verstehen. Obwohl es nicht schlecht ist, wenn manche es nicht verstehen. Nehmen Sie zum Beispiel den Satz von Frau Van Amersfoort: "Ein Mann, der seine Frau schlägt, entehrt sich selbst." Wenn Thomas diesen Satz nicht versteht und die Leser ihn auch nicht verstehen, dann ist es nicht so schlimm. Es kann auch ein Zauberspruch sein - ein halb verstandener Satz. Ein Kind fühlt, dass der Satz wichtig ist. Es ist wie im Märchen. Niemand versteht, was Schneewittchen bedeutet. Aber man erfühlt etwas, man begreift etwas. Verstehen denn Erwachsene alles, was sie lesen?

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