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Begegnung auf Augenhöhe

Die Debatte um Migration wird in den letzten Jahren immer hitziger und feindseliger geführt. Um Auswege zu finden, muss nach Ursachen gesucht werden. Das Gespräch führte Astrid Mattes

Paloma Fernández de la Hoz ist Sozialhistorikerin an der Katholischen Sozialakademie, und beschäftigt sich mit der Frage, wie Integration funktionieren kann.

Die Furche: Warum ist das Thema Migration in Österreich mit so vielen Emotionen beladen?

Paloma Fernández de la Hoz: Das Thema ist aufgrund des Kontextes, in dem wir leben, und aus historischen Gründen gefühlsbeladen. Weil in Zeiten der Globalisierung eine Vielzahl von sehr komplexen, abstrakten und schnellen Änderungsprozessen, die für die Leute nicht greifbar sind, stattfindet, entsteht eine Menge Verunsicherung. Wenn wir Verunsicherungsgefühle empfinden, machen wir uns auf die Suche nach einem Sündenbock, suchen nach denen, die hinter diesen Entwicklungen stehen könnten. Da entstehen sehr einfache Antworten. Der historische Grund ist im jahrelangen Schweigen der politischen Klasse zu finden. Migration und Integration sind soziale Prozesse, die in den meisten Ländern, und ganz klar in Österreich, stillschweigend erfolgen. Es ist nie im Alltag die Rede davon. Und das macht Platz für unglaublich viele offene Punkte und Ahnungslosigkeit seitens der Menschen.

Die Furche: Welche Elemente werden gebraucht, damit Integration funktionieren kann?

Fernández de la Hoz: Zuallererst brauchen wir ein klares Konzept. Solange es keinen breiten Konsens rund um ein Konzept für Integration gibt, passiert gar nichts. Integration verlangt nach strukturellen Maßnahmen, etwa auf Ebene des Arbeits- oder Wohnungsmarktes. Neben den strukturellen Aspekten gibt es aber auch eine symbolische Ebene, die sehr oft übersehen wird. Ohne soziale Kommunikation kann Integration nicht erfolgen.

Die Furche: Gewinnt Religion im Kontext von Migration an Bedeutung?

Fernández de la Hoz: Verschiedene Institutionen haben in den letzten Jahren immer wieder auf die Entstehung eines religiösen Rassismus hingewiesen. Darunter versteht man die Ablehnung und die Feindlichkeit gegenüber Angehörigen anderer Religionen. Abgelehnt werden aber nicht Menschen, die Anhänger von esoterischen Religionen sind oder Religionen im Zusammenhang mit Traditionen aus dem fernen Osten praktizieren. Es kommt zu neuen Formen des Antisemitismus und zur Ablehnung von Muslimen.

Die Furche: Ursula Struppe, Leiterin der MA 17, sagte vor kurzem, dass heute nicht mehr Hautfarbe, sondern Religion das Kriterium ist, das Menschen zur Zielscheibe von Fremdenhass macht. Stimmen Sie dem zu?

Fernández de la Hoz: Womit wir heute konfrontiert sind, ist kein biologischer Rassismus. Der ist zwar nicht verschwunden, aber in der Öffentlichkeit wird die Ablehnung von Fremden kaum durch biologische Argument weiter getragen, sondern durch kulturelle. Die Idee, die dahintersteckt, ist ein Globalisierungsgefälle, in dem wir Westeuropäer als zivilisierte dargestellt werden und die Leute, die zu uns kommen, als würden sie uns nicht das Wasser reichen können und daher nicht zu uns passen. Wenn Fremdenfeindlichkeit auf kulturellen Argumenten basiert, kommt auch die Religion als neues Phänomen ins Spiel.

Die Furche: Sie heben hervor, dass es in der Kirche ein klares Bekenntnis zum interreligiösen Dialog gibt. Warum ist die Kirche in der Praxis so zurückhaltend?

Fernández de la Hoz: Johannes Paul II., ein hervorragender Pontifex in Fragen der Sozialethik, hat immer wieder auf den Dialog der Religionen hingewiesen. Wenn wir wirklich glauben, dass das Leben an sich viel größer ist als wir selbst, und soziale Probleme trotzdem nicht gemeinsam anpacken, was bedeutet dann unsere Religiosität? Ich bin mir nicht so sicher, ob wir in der übrigen Kirche diese prophetische Stimme so klar verstehen. Ich glaube, wir sind dabei, das zu entdecken. Wie bei vielen guten Soziallehren der Kirche, haben wir in der Umsetzung deutliche Defizite.

Die Furche: Was kann Kirche zu erfolgreicher Integration beitragen?

Fernández de la Hoz: Erstens muss jeder von uns seine eigene Fremdenfeindlichkeit verarbeiten. Wir sind Kinder einer Kultur, die jahrhundertelang Fremdenfeindlichkeit beherbergt hat. Zweitens können die Kirchen Integration fördern, indem sie Maßnahmen unterstützen, die darauf abzielen, dass alle Menschen, die in diesem Land leben, dieselben Lebensvoraussetzungen haben. Drittens, können unsere christlichen Kirchen auf symbolischer und kultureller Ebene weiterarbeiten; beispielsweise in der Bildungsarbeit.

Die Furche: Warum ist Bildung ein so zentraler Schlüsselbereich?

Fernández de la Hoz: Bildungsarbeit hat zwei Seiten. Die eine betrifft die neu Angekommenen, die andere die Aufnahmegesellschaft. Es ist wichtig für Kinder mit Migrationshintergrund dieselben Chancen zu schaffen wie für die übrigen Kinder. Was die Aufnahmegesellschaft betrifft, ist Bildungsarbeit unglaublich wichtig, um eigene Vorstellung zu verarbeiten, Information zu vermitteln und den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Die Furche: Wie sieht ihre Vision für das Jahr 2030 aus?

Fernández de la Hoz: In meiner Vision haben wir uns auf den Weg gemacht, um eine Nation aufzubauen, die sich nicht auf die Idee einer gemeinsamen Abstammung, sondern auf das Volk als politisch definierte Interessensgemeinschaft stützt. Das heißt also eine Nation, deren Grundlage eine Verfassung ist, in der dieser gemeinsame Nenner sehr klar definiert wird. Und in der Platz ist für Vielfalt.

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