"Blasphemie ist etwas Heiliges"

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Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer im FURCHE-Gespräch anlässlich der Uraufführung seines Stückes "Edward II. Die Liebe bin ich" im Rahmen der Wiener Festwochen.

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Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer im FURCHE-Gespräch anlässlich der Uraufführung seines Stückes "Edward II. Die Liebe bin ich" im Rahmen der Wiener Festwochen.

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Für sein bei den Wiener Festwochen am 26. Mai uraufgeführtes Drama "Edward II. Die Liebe bin ich" bearbeitete Ewald Palmetshofer Christopher Marlowes Königsdrama "Edward II." Die FURCHE sprach mit dem studierten Theologen und Philosophen.

DIE FURCHE: Sie stellen Ihrem Stück "Edward II. Die Liebe bin ich" ein Zitat des italienischen Filmemachers und Autors Pier Paolo Pasolini voran: "Jede Gotteslästerung ist ein heiliges Wort". Was bedeutet das für Ihr Stück und für Sie persönlich?

Ewald Palmetshofer: Es gibt etwas Widerständiges im blasphemischen Akt. Wenn Religion als Legitimation von Hierarchie, Ungleichheit und politischer Macht fungiert, ist Blasphemie eine Geste der Emanzipation. Sie tritt gegen das scheinbar Gottgegebene und daher angeblich Unveränderbare auf. Sie wendet sich gegen eine religiös fundierte Politik der Ungleichheit und gibt daher die religiöse Ideologie der Lächerlichkeit preis. So betrachtet ist Blasphemie ein emanzipatorischer Akt. Und als solcher ist sie - im säkularen Sinn - heilig. Es geht ihr um den Menschen. Und also um radikale Gleichheit.

DIE FURCHE: Ihr Stück ist eine Bearbeitung des Königsdramas "Edward II." von Christopher Marlowe (1564-1593), einem Zeitgenossen Shakespeares. Was bedeutet Blasphemie im Hinblick auf den historischen Originaltext Marlowes?

Palmetshofer: Marlowe stand unter dem Verdacht, Atheist zu sein. In seiner Zeit -vor der Aufklärung und Säkularisierung -bedeutete das für Machthaber in erster Linie eine politische Bedrohung. Man muss Religion hier als Staatsreligion und als untrennbar mit der Politik und dem Herrschaftsapparat verbunden denken. Die Existenz Gottes in Frage zu stellen, kommt einem Angriff auf die Grundfesten des autoritären Staates gleich. In unserer heutigen nachaufgeklärten Gesellschaft ist diese Sprengkraft des Atheismus schwer nachvollziehbar. Es ging nicht um eine bloß private Glaubensfrage, sondern um einen Angriff auf das politische System.

DIE FURCHE: Bei Marlowe ist Edwards Homosexualität nur angedeutet, bei Ihnen wird sie konkret angesprochen.

Palmetshofer: Ja, Marlowe lässt dies im Unentschiedenen. Ich habe hingegen versucht, durch die explizite Liebes-oder Sexszene etwas in Worte zu fassen, wofür es in der Theaterliteratur kaum Referenzen gibt. Ich wollte eine erotische Sprache für die körperliche Begegnung zweier Liebender finden.

DIE FURCHE: Was bedeutet der Titel "Edward II. Die Liebe bin ich"?

Palmetshofer: Edward durchbricht ein System, in dem Liebe und Ehe dem Erhalt der Thronfolge und der Zusicherung von Ämtern dienen. Edwards Liebesentscheidung weicht davon ab. Bei ihm ist Liebe auf einmal willkürlich, zufällig, subjektiv - ganz im uns geläufigen, modernen Sinn. Und mit der gleichen Willkür hievt Edward seinen Geliebten Gaveston in Ämter, für die dieser aufgrund seiner Herkunft und des Klassenunterschiedes nicht vorgesehen ist. Darin liegt der Skandal für Edwards Umgebung, denn seine Liebe unterwirft sich nicht dem höfischen, politischen Kontext.

DIE FURCHE: Scheitert Edward also an seiner offen zur Schau getragenen Liebe zu Gaveston?

Palmetshofer: Edward stürzt nicht wegen seiner Homosexualität. Jedoch unterscheidet er nicht zwischen politischem Amt und privater Person. Er folgt einem privaten, fast modernen Liebesbegriff und setzt diesen mit der Autorität des absolutistischen Herrschers durch. Er möchte beides sein: Absolutist und Privatmensch. Das ist die Spannung in dieser Figur, die letztendlich auch seinen Untergang bedeutet.

DIE FURCHE: Inwiefern ist Edward ein Machtmensch?

Palmetshofer: Alle Figuren des Stückes sind Machtmenschen und glauben, sie könnten den Apparat der Macht für sich nutzen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Ordnung wird schneller wiederherstellt, als den handelnden Personen bewusst oder lieb ist. Sie werden schlichtweg ausgetauscht. Die Strukturen aber bleiben gleich. Das System löscht aus, was ihm nicht dienlich ist, und startet neu. Das ist das Erschütternde am Ende des Stücks: Ein neuer König wird gekrönt, und alles ist wie zu Beginn -als wäre nichts passiert. Das System überlebt. Die Menschen nicht.

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