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Feuilleton

Denker gegen den Extremismus

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Zum 250. Todestag von Charles-Louis de Montesquieu, dem Vordenker demokratischer Gewaltenteilung.

Zu bald nur ist der Ruhm Montesquieus im Marmor der Büsten und im Metall der Medaillen erstarrt", schreibt der Genfer Literaturhistoriker Jean Starobinski. Den Ruf des Klassikers erwarb sich Montesquieu durch seine Theorie der Gewaltenteilung, die bürgerliche Freiheit garantiert. Montesquieu zählt nicht zu den Aufsehen erregenden Denkern der Französischen Aufklärung; er war ein Denker der Mäßigung, der religiösen Fanatismus und politischen Extremismus ebenso verabscheute wie die Exzesse absolutistischer Monarchien.

Montesquieu plädierte in seinen Werken für Pluralismus und Offenheit. Sein Credo lautete: "Alles hängt zusammen". Dementsprechend sollte die Philosophie nicht gesondert betrieben werden, sich nicht auf metaphysische Spekulationen konzentrieren, sondern den "Menschen in der Gesellschaft" untersuchen. Bewusst verzichtete er dabei auf die Verwendung esoterischer Fachterminologien und forderte eine allgemein verständliche Sprache.

Ausgeprägter Wissensdurst und Lust am Neuen charakterisieren das Schaffen von CharlesLouis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu, der am 18. Jänner 1689 als Sohn einer adeligen Familie in der Nähe von Bordeaux geboren wurde. Nach einem Studium der Jurisprudenz und Philosophie führte er das geruhsame Leben eines Parlamentsrats in Bordeaux. Gleichzeitig betrieb er intensive natur- und geisteswissenschaftliche Studien und unternahm zahlreiche Reisen nach Italien, Deutschland und vor allem nach England.

Außensicht der Zivilisation

1721 veröffentliche Montesquieu den Briefroman "Persische Briefe", in dem er die politischen, sozialen und religiösen Verhältnisse in Frankreich schilderte, wie sie von zwei persischen Reisenden wahrgenommen wurden. Die vertraute Welt der europäischen Zivilisation diente als Objekt ethnologischer Feldforschungen. Voll Verwunderung kommentierten die fremden Besucher die Widersprüche absolutistischer Herrscher und die Willkür religiöser Würdenträger. Die Intention des Briefromans bestand in der Demaskierung einer Gesellschaft, die sich von der tugendhaften Lebensweise verabschiedet hatte.

Die Frage nach einer Staatsform, die eine tugendhafte Gesellschaft hervorbringt, tauchte dann in Montesquieus Hauptwerk "Vom Geist der Gesetze" wieder auf. Dort analysierte er die idealtypischen Staatsformen von Republik, Monarchie und Despotie und betonte, dass deren Gesetzgebungen keineswegs bloß als rationale Konstruktionen fungierten, sondern von wirtschaftlichen, geografischen oder klimatischen Faktoren und vom "l'esprit général", von der "Geisteshaltung eines Volkes" abhängig seien.

Kontrolle der Macht

Besonders schätzte Montesquieu die Republik, in der Verfassungspatriotismus und Liebe zum Allgemeinwohl leitende Prinzipien sind. Hier ist der Ort der bürgerlichen Tugend, die eine geordnete Existenz, ein gutes Leben in gesicherten Verhältnissen garantiert. In der Monarchie wird die Tugend durch die Ehre ersetzt; es "ziehen Ehrgeiz und Habgier in alle Gemüter ein". In der Despotie schließlich herrscht die Furcht vor dem willkürlichen Terror. Die beste Staatsform ist für Montesquieu die Republik, in der die Selbstkontrolle der Bürger ein Leben in Freiheit garantiert. Die Monarchie gilt als Verfallsform der Republik, weil dort das Eigeninteresse im Vordergrund steht.

Deswegen schlägt Montesquieu das Modell der Gewaltenteilung vor, das auch den Absturz in die Despotie verhindern soll. Seine Aufteilung staatlicher Macht in voneinander unabhängige legislative, exekutive und richterliche Gewalt hat die Verfassungen der demokratischen Staaten entscheidend geprägt. Das Ziel der Gewaltenteilung ist die kontrollierte, gezügelte Macht, die sich durch Mäßigung und Toleranz auszeichnet. Eine solche Verfassung stellt die Voraussetzung für ein "gutes, glückliches Leben" des Bürgers dar, das Montesquieu aus eigener Anschauung kennt: "Morgens erwache ich mit einer geheimen Freude", so notierte der Denker der Mäßigung, "überall scheinen uns die Dinge zur Freude bereitet zu sein."

Der Autor ist Mitarbeiter der orf-Wissenschaftsredaktion.