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Feuilleton

Die Diskreten Sünden der Bobos

1945 1960 1980 2000 2020

EVA MENASSES LITERA-RISCHER BEFUND ÜBER DAS AKTUELLE LEBENSGEFÜHL EINER BESTIMMTEN GESELL-SCHAFTSSCHICHT.

1945 1960 1980 2000 2020

EVA MENASSES LITERA-RISCHER BEFUND ÜBER DAS AKTUELLE LEBENSGEFÜHL EINER BESTIMMTEN GESELL-SCHAFTSSCHICHT.

Die Krise alter Werte und Bindungen weckt das Bedürfnis, nach den Moralregeln unserer Gesellschaft zu fragen. Schon 2002 nahm Norbert Silberbauer mit seinem Buch "Die elf Gebote" die alte Tradition der Exempla-Sammlung auf und fügte als elftes Gebot "Du sollst nicht Sport betreiben" an, 2008 folgten "Sieben Sündenfälle". An den sieben Todsünden arbeitet sich Elfriede Jelinek seit Jahren ab -sie hebelt allerdings mit fundamentalem Furor die Grundfesten dessen aus, was wir auch nach 1945 unverdrossen unsere abendländische Kultur nennen.

Nun legt Eva Menasse "Lässliche Todsünden" vor, die Geschichten sind also kleiner dimensioniert, aber keineswegs so simpel, wie das Cover-Bild des Apfels vermuten lässt. Das Personal entstammt überwiegend jener Intellektuellenschicht, die die Autorin wohl gut kennt: Es sind Filmemacherinnen, Universitätsprofessoren, In-Lokal-Betreiber, zumindest aber Lehrerinnen.

Alternative Kleinbürger

In die Jahre gekommen tun alle ungefähr das, was die (klein-)bürgerlichen Eltern auch taten, nur etwas ins Alternative gewendet - man geht zur Kräuterhexe um biologisch reinen Tee, kennt die Bezugsquelle unbehandelter Heurigenkartoffel und renoviert mit viel Liebe, Geld und slowakischem Handwerk das verfallene Badehäuschen einer Gräfin Esterhazy als Wochenendsitz am Neusiedlersee; wahlweise rümpft man dabei ein wenig die Nase ob der benachbarten Schrebergartenkolonie oder genießt die Volksnähe. Der Veränderung sozialer Lebensformen entsprechend wimmelt es von Ex-Männern und -Frauen, neuen Lebensabschnittsbegleitern und den Kindern aus diesen gemischtpaarigen Konstellationen. Die erotischen wie emotionalen Verwicklungen laufen unterschiedlich schrill ab, Kleiderfragen und Intimstyling spielen keine unzentrale Rolle; kommt die junge Freundin abhanden, kann mit dem Alter die plötzliche Erkenntnis eines verfehlten Lebens vor der Tür stehen. Das passiert Cajou in der Erzählung "Hochmut", die im Milieu des alten Adels spielt, das der Autorin am wenigsten vertraut scheint. Während Cajous Gattin vor der Hochzeit als artige "doppelte Jungfrau" bezeichnet wird - was immer das sein mag -, hält die Geschichte seiner späten Affäre mit dem namenlosen Mädchen über viele Seiten hinweg das Personalpronomen "es" durch. Das ist so grammatisch korrekt wie unschön, könnte aber auf subkutane Folgen sprachlicher Usancen aufmerksam machen, doch es will nicht so recht funktionieren.

Überzeugend hingegen ist das Exemplum zum "Neid" - das wie jenes zu "Habgier" genauso treffend mit "Späte Rache" betitelt sein könnte -, eine Scheidungstragödie, die viele Jahre zurückliegt und beim Begräbnis des gemeinsamen Sohnes erneut aufbricht: die Ex-Gattin organisiert einen parallelen Leichenschmaus und fast unwissentlich tappen die meisten der Trauergäste in die Falle. Vom Ton her ausbalanciert wirkt auch die kleine Familientragödie in "Zorn": Der sensible, also "schwierige" kleine Joshua nagelt die Dachluke unter sich zu, den Eltern -vor allem der mit erotischen Abwegen spekulierenden Mutter - damit eine symbolische Nagelhaube verpassend.

Erfrischende Bösartigkeit

Felix sei zu träge, "um gegen Töchter und Exfrau ein eigenes kleines Glück durchzusetzen", heißt es zeitgeistig im Klappentext, doch realiter scheitert er an seiner Scheu vor zu großer Nähe zur neuen Partnerin, die allerdings fatal dümmlich gezeichnet wird. Generell ist die Bösartigkeit, die Eva Menasse vielen der Frauenfiguren angedeihen lässt -wie der erpresserisch ihre Kränklichkeiten auslebenden "Unterleibsfrau" Joana -durchaus erfrischend. Im Übrigen gelingen die Schlüsse ihrer Erzählungen oft besser als die meist sehr direkten Einstiege. Vor allem die erste Geschichte schüttelt den Leser beinahe ab: Es beginnt mit Namen, die sich nicht zueinander in Beziehung bringen lassen, einer bundesdeutsch-österreichischen Sprachverwirrung und schlichten Sentenzen wie "mit dunkelhaarigen Frauen hatte er wenig Erfahrung". Doch nach und nach eröffnet sich ein Befund über das aktuelle Lebensgefühl einer bestimmten, wenn auch schmalen Schicht unserer Gesellschaft, die Menasses Erzählungen -an publicity fehlte es schon bei ihrem Debütroman "Vienna" nicht - zweifellos gerne lesen wird.

Die Krise alter Werte und Bindungen weckt das Bedürfnis, nach den Moralregeln unserer Gesellschaft zu fragen. Schon 2002 nahm Norbert Silberbauer mit seinem Buch "Die elf Gebote" die alte Tradition der Exempla-Sammlung auf und fügte als elftes Gebot "Du sollst nicht Sport betreiben" an, 2008 folgten "Sieben Sündenfälle". An den sieben Todsünden arbeitet sich Elfriede Jelinek seit Jahren ab -sie hebelt allerdings mit fundamentalem Furor die Grundfesten dessen aus, was wir auch nach 1945 unverdrossen unsere abendländische Kultur nennen.

Nun legt Eva Menasse "Lässliche Todsünden" vor, die Geschichten sind also kleiner dimensioniert, aber keineswegs so simpel, wie das Cover-Bild des Apfels vermuten lässt. Das Personal entstammt überwiegend jener Intellektuellenschicht, die die Autorin wohl gut kennt: Es sind Filmemacherinnen, Universitätsprofessoren, In-Lokal-Betreiber, zumindest aber Lehrerinnen.

Alternative Kleinbürger

In die Jahre gekommen tun alle ungefähr das, was die (klein-)bürgerlichen Eltern auch taten, nur etwas ins Alternative gewendet - man geht zur Kräuterhexe um biologisch reinen Tee, kennt die Bezugsquelle unbehandelter Heurigenkartoffel und renoviert mit viel Liebe, Geld und slowakischem Handwerk das verfallene Badehäuschen einer Gräfin Esterhazy als Wochenendsitz am Neusiedlersee; wahlweise rümpft man dabei ein wenig die Nase ob der benachbarten Schrebergartenkolonie oder genießt die Volksnähe. Der Veränderung sozialer Lebensformen entsprechend wimmelt es von Ex-Männern und -Frauen, neuen Lebensabschnittsbegleitern und den Kindern aus diesen gemischtpaarigen Konstellationen. Die erotischen wie emotionalen Verwicklungen laufen unterschiedlich schrill ab, Kleiderfragen und Intimstyling spielen keine unzentrale Rolle; kommt die junge Freundin abhanden, kann mit dem Alter die plötzliche Erkenntnis eines verfehlten Lebens vor der Tür stehen. Das passiert Cajou in der Erzählung "Hochmut", die im Milieu des alten Adels spielt, das der Autorin am wenigsten vertraut scheint. Während Cajous Gattin vor der Hochzeit als artige "doppelte Jungfrau" bezeichnet wird - was immer das sein mag -, hält die Geschichte seiner späten Affäre mit dem namenlosen Mädchen über viele Seiten hinweg das Personalpronomen "es" durch. Das ist so grammatisch korrekt wie unschön, könnte aber auf subkutane Folgen sprachlicher Usancen aufmerksam machen, doch es will nicht so recht funktionieren.

Überzeugend hingegen ist das Exemplum zum "Neid" - das wie jenes zu "Habgier" genauso treffend mit "Späte Rache" betitelt sein könnte -, eine Scheidungstragödie, die viele Jahre zurückliegt und beim Begräbnis des gemeinsamen Sohnes erneut aufbricht: die Ex-Gattin organisiert einen parallelen Leichenschmaus und fast unwissentlich tappen die meisten der Trauergäste in die Falle. Vom Ton her ausbalanciert wirkt auch die kleine Familientragödie in "Zorn": Der sensible, also "schwierige" kleine Joshua nagelt die Dachluke unter sich zu, den Eltern -vor allem der mit erotischen Abwegen spekulierenden Mutter - damit eine symbolische Nagelhaube verpassend.

Erfrischende Bösartigkeit

Felix sei zu träge, "um gegen Töchter und Exfrau ein eigenes kleines Glück durchzusetzen", heißt es zeitgeistig im Klappentext, doch realiter scheitert er an seiner Scheu vor zu großer Nähe zur neuen Partnerin, die allerdings fatal dümmlich gezeichnet wird. Generell ist die Bösartigkeit, die Eva Menasse vielen der Frauenfiguren angedeihen lässt -wie der erpresserisch ihre Kränklichkeiten auslebenden "Unterleibsfrau" Joana -durchaus erfrischend. Im Übrigen gelingen die Schlüsse ihrer Erzählungen oft besser als die meist sehr direkten Einstiege. Vor allem die erste Geschichte schüttelt den Leser beinahe ab: Es beginnt mit Namen, die sich nicht zueinander in Beziehung bringen lassen, einer bundesdeutsch-österreichischen Sprachverwirrung und schlichten Sentenzen wie "mit dunkelhaarigen Frauen hatte er wenig Erfahrung". Doch nach und nach eröffnet sich ein Befund über das aktuelle Lebensgefühl einer bestimmten, wenn auch schmalen Schicht unserer Gesellschaft, die Menasses Erzählungen -an publicity fehlte es schon bei ihrem Debütroman "Vienna" nicht - zweifellos gerne lesen wird.