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Feuilleton

DIE FREIHEIT, DIE FRECHHEIT

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Gegenwart? Sie ist trügerisch, weiß Olga Martynova. Im Unterschied zu Politikern und Journalistinnen, die sich von Berufs wegen mit der so flüchtigen Gegenwart auseinandersetzen müssen, sollten Schriftstellerinnen und Schriftsteller das nicht unbedingt tun, ja, sie sollten sich "den Luxus leisten", die medial vermittelten Bilder zu ignorieren. "Denn Aktualität ist eine tückische Sache." Martynova erinnert an Jean Amérys Essay "Terror der Aktualität": Der "Beschleunigungs-und Abwechslungszwang" führt "zu gefährlicher Belanglosigkeit der Information [ ] und letztendlich zu fehlerhafen Ansichten". Gegenwart ändert sich ständig. Im Moment ist sie da, dann ist sie schon wieder verschwunden. Künstler und Künstlerinnen, die sich auf sie verlassen, so Martynova, stehen am Ende dumm da. "Es geht um die Freiheit und die Frechheit, die allgemeingültigen Vorstellungen und Forderungen nicht zu berücksichtigen."

Auf Herkunft reduziert

Der Anspruch von außen allerdings sieht anders aus und er diskriminiert, indem er auf eine einzige Eigenschaft reduziert: die Herkunft. Die 1962 in Sibirien geborene und seit 1991 in Deutschland lebende Schriftstellerin schreibt fast ausschließlich auf Deutsch, wird aber als russische Autorin behandelt - und dazu gehört: Man erwartet eine Meinung zu Russland. Oder zur Ukraine. Als Beispiel führt Olga Martynova in ihrem Essayband "Über die Dummheit der Stunde"(S. Fischer 2018) ein Rundfunkgespräch anlässlich der Verleihung des Berliner Literaturpreises an. Sie wurde gebeten, über die Lage der Ukraine zu sprechen. Sie wollte lieber nicht. "'Für Russland oder für die Ukraine?' Es kann sein, dass man nicht einverstanden ist, die Ukraine so, wie sie jetzt ist, mit der korrupten Regierung und der Würdigung von schlimmsten Kollaborateuren aus dem Zweiten Weltkrieg, als Bollwerk der 'europäischen Werte', wie es oft dargestellt wird, zu sehen. Das heißt nicht automatisch, dass man 'für Putin' sei, was auch immer das bedeuten soll. Auch nicht, dass man 'gegen die Ukraine' sei. Menschen werden von falschen Zusammenhängen in Denkfallen gelockt."

Warum immer dieses Reduzieren auf die Herkunft? Warum immer diese Frage nach Russland? Dabei, so die Bachmannpreisträgerin des Jahres 2012, "ist meine Meinung [ ] zu dieser aktuellen Lage viel weniger relevant als meine Meinung zur deutschen Poetik, was mir noch kein Interviewer glauben wollte."

Die Gegenwart? Sie ist trügerisch, weiß Olga Martynova. Im Unterschied zu Politikern und Journalistinnen, die sich von Berufs wegen mit der so flüchtigen Gegenwart auseinandersetzen müssen, sollten Schriftstellerinnen und Schriftsteller das nicht unbedingt tun, ja, sie sollten sich "den Luxus leisten", die medial vermittelten Bilder zu ignorieren. "Denn Aktualität ist eine tückische Sache." Martynova erinnert an Jean Amérys Essay "Terror der Aktualität": Der "Beschleunigungs-und Abwechslungszwang" führt "zu gefährlicher Belanglosigkeit der Information [ ] und letztendlich zu fehlerhafen Ansichten". Gegenwart ändert sich ständig. Im Moment ist sie da, dann ist sie schon wieder verschwunden. Künstler und Künstlerinnen, die sich auf sie verlassen, so Martynova, stehen am Ende dumm da. "Es geht um die Freiheit und die Frechheit, die allgemeingültigen Vorstellungen und Forderungen nicht zu berücksichtigen."

Auf Herkunft reduziert

Der Anspruch von außen allerdings sieht anders aus und er diskriminiert, indem er auf eine einzige Eigenschaft reduziert: die Herkunft. Die 1962 in Sibirien geborene und seit 1991 in Deutschland lebende Schriftstellerin schreibt fast ausschließlich auf Deutsch, wird aber als russische Autorin behandelt - und dazu gehört: Man erwartet eine Meinung zu Russland. Oder zur Ukraine. Als Beispiel führt Olga Martynova in ihrem Essayband "Über die Dummheit der Stunde"(S. Fischer 2018) ein Rundfunkgespräch anlässlich der Verleihung des Berliner Literaturpreises an. Sie wurde gebeten, über die Lage der Ukraine zu sprechen. Sie wollte lieber nicht. "'Für Russland oder für die Ukraine?' Es kann sein, dass man nicht einverstanden ist, die Ukraine so, wie sie jetzt ist, mit der korrupten Regierung und der Würdigung von schlimmsten Kollaborateuren aus dem Zweiten Weltkrieg, als Bollwerk der 'europäischen Werte', wie es oft dargestellt wird, zu sehen. Das heißt nicht automatisch, dass man 'für Putin' sei, was auch immer das bedeuten soll. Auch nicht, dass man 'gegen die Ukraine' sei. Menschen werden von falschen Zusammenhängen in Denkfallen gelockt."

Warum immer dieses Reduzieren auf die Herkunft? Warum immer diese Frage nach Russland? Dabei, so die Bachmannpreisträgerin des Jahres 2012, "ist meine Meinung [ ] zu dieser aktuellen Lage viel weniger relevant als meine Meinung zur deutschen Poetik, was mir noch kein Interviewer glauben wollte."