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Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

Was war das doch für ein zartes Lüfterl, das dem genialen Kabarettisten Georg Kreisler in den Sechzigerjahren aus dem heimischen Fernsehen entgegenwehte, so dass er die Mutter scherzhaft zum Abdrehen mahnte. Damals war der Staatsfunk noch überschaubar und galt als Kulturinstitution. Fernsehspiele und -opern wurden mit namhaften Künstlern selbst produziert. Aber auch noch Jahrzehnte danach wurden Kultursendungen zu attraktiven Zeiten gesendet. Poesie, Kreativität und Humor waren gefragt. Österreichische Identität war spürbar. Die noch im Babyalter befindliche Medienwelt blickte ehrfürchtig auf jene des kleinen Österreich.

Heute hat sich das Lüfterl in einen Tsunami der Oberflächlichkeit verwandelt, einen Cocktail international austauschbarer Unterhaltungsmuster und vergeblicher Quotenjagd. Das Budget ist längst aus den Fugen geraten. Riskiert wird kaum noch etwas. Kein Tag vergeht, an dem das Staatsfernsehen von den Zeitungen nicht zur Staatsleiche erklärt wird und ihm das Staatsbegräbnis in Aussicht gestellt wird. Dabei war und ist der Staatsfunk auch immer ein Spiegel unseres Landes.

Der aufgeblähte, unübersichtliche Apparat bot Blendern aller Arten schier unbegrenzte Möglichkeiten. Teure Studiodekorationen vermochten nur für kurze Zeit über mangelnde Einfälle hinwegzutäuschen. Das Leistungsprinzip wurde den Virtuosen der Parteibuch-, Vereins- und Geheimbundmeierei geopfert. Der Nachwuchs wurde sträflich vernachlässigt. Selbstlob und Selbstzufriedenheit der für das Programm Verantwortlichen erstickten so manchen kritischen und originellen Ansatz. Liberalität wurde mit Unentschlossenheit verwechselt, Krisenmanagement mit devoter Vorsicht. Man weiß ja nie, wer morgen etwas wird.

Und schon steht die nächste Reform vor der Türe. Ein radikaler Sparkurs ist angesagt. Fantasie wird gefordert sein. Reduktion allein war noch nie ein zukunftsträchtiges Konzept.

* Der Autor ist freier Kulturjournalist

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