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Dunkel lockende Lücke

"Dunkel lockende Welt", das Stück, für das Händl Klaus zum Dramatiker des Jahres gewählt wurde, in einer fulminanten Aufführung im Kasino des Burgtheaters.

Der 1969 in Rum/Tirol geborene Schauspieler, Regisseur und Dramatiker Händl Klaus ist wohl der eigenwilligste und wahrscheinlich sprachmächtigste unter den Dramatikern der mittleren Generation. Seine hintergründigen Stücke stehen quer zu allen aktuellen Trends. Weder Globalisierungskritik noch Gewalt unter Jugendlichen, weder Beziehungsmiseren noch existenzielle Sinnkrisen oder soziales Elend sind seine Themen. Mit seinen bisher zur Aufführung gelangten drei Theaterstücken Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen, Wilde oder Der Mann mit den traurigen Augen und nun dem rätselhaften Dunkel lockende Welt schließt Händl Klaus an das absurde Theater der sechziger Jahre an. Wie Ionesco, Beckett oder Pinter vor ihm, beschäftigt er sich auf federleichte, tragikomische Weise mit den Themen Angst, Abschied, Tod oder einfacher: dem Verlust von dem, was wir das Leben nennen.

Auf einem Handzettel teilt das Burgtheater lapidar mit, das Team um Regisseur Tom Kühnel habe bis zum 28. November an der Produktion gearbeitet. Was immer das heißen mag, was von der Rumpfregie zu sehen ist, ist nicht wenig. Das liegt zum einen an dem hintersinnigen und kunstvoll gebauten Werk und zum andern an der gelungenen Inszenierung und dem wunderbaren Schauspielertrio: Regina Fritsch als möglicherweise Gatten mordende Kieferchirurgin Corinna Schneider, Liebgart Schwarz als deren photosynthesenbegeisterte Mutter, die sich in einer naturwissenschaftichen Sprache verschanzt, in der Hoffnung, Gewissheit zu bekommen darüber, was der Fall ist, sowie Johann Adam Oest als Joachim, dem lüstern-verklemmten Vermieter, der in einer unverhofft aufgefundnen menschlichen Zehe sofort erotisches Erpressungspotential wittert.

Vor allem im ersten der drei Akte kann man Händls in bester Manier an das Konversationsstück anschließende Sprachartistik bewundern. In fein verzahnten Dialogen gelingt es ihm virtuos auf dem schmalen Grat der Bedeutungsambivalenzen zu schweben. Überhaupt lebt die Inszenierung von der ununterbrochenen Evozierung von Unentschiedenheit und Doppeldeutigkeit. Es werden Gewissheiten und Erwartungen aufgebaut, um sie jäh wieder zu zerstreuen. So sprechen Corinna und Joachim über Abwesende, die es nicht sind, weil sie sie unentwegt herbeireden, sie reden vom Kochen, meinen aber Sex. Die Geschichte vom finnischen Eidechslein, das im Winter einfriert und im Sommer zum Leben auftaut, kann als Sinnbild gelten: nicht tot und nicht lebendig, ein Dazwischen. So meint der von Tanja Blixen entlehnte Stücktitel vielleicht die lockende Welt der Eindeutigkeit, das Jenseits der Ungewissheit, das Dazwischen der Dinge, das Dahinter der Worte. Joachim sagt einmal: "Ich schöpfe aus der Lücke" - der Zuschauer auch, und das reichlich.

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