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Filmisches Psychodrama

Florian Flicker hat mit "Der Überfall" ein exzellent gespieltes Kammerspiel im Kinoformat inszeniert. Ein Mann kurz vor dem Amoklauf: Andreas, kongenial verkörpert von Roland Düringer, erwacht an einem trüben Faschingsdienstag in der Wohnung seiner Schwester, deren Familienleben er schon schwer strapaziert. Er ist arbeitslos, geschieden und schuldet der Ex-Frau 10.000 Schilling an Alimenten, die er nicht besitzt. Außerdem hat sein Sohn Geburtstag.

Die Weichen seines Lebens sehen aus, als wären sie aufs Abstellgleis gestellt, trotzdem verspricht Andreas ein Geschenk für den Kleinen und pünktliche Zahlung. Eine Lösung muss her, sein Blick fällt auf eine Clownperücke, er plant den rettenden, geldbringenden Überfall auf einen Supermarkt. Doch der skeptische Blick einer Kundin und die fragende Mimik der Kassiererin reichen völlig, um ihn zu entmutigen. Beschämt stürzt Andreas in eine kleine Schneiderei schräg gegenüber. Mehr ratlos als bestimmt, zieht er den Revolver. Der tiefgründige Meister (Joachim Bißmeier) hat aber nur 800 Schilling in der Kassa. Andreas beginnt auf der Suche nach Barem, den ganzen Laden umzudrehen und entdeckt einen Kunden (Josef Hader), der sich bisher unauffällig im Hintergrund gehalten hat.

Im klaustrophobischen Raum voller Anzüge, Scheren und Garne spitzt sich das Drama zu: Weil draußen eine Polizeistreife die Straße absperrt, hält Andreas seine Geiseln in Schach. Mit zunehmender Verzweiflung steigt der Gewaltpegel, ein Schuss aus dem Revolver lässt Gefühle eskalieren. Auch der Schneider läuft Amok, kurzfristige Allianzen zwischen Täter und Opfern bilden sich, um schnell wieder zu kippen. Nach und nach liegen nicht nur Nerven, sondern auch Abgründe der Charaktere blank. Ein subtiles Miniaturmelodram: unberechenbar, hochdramatisch, mit unerwartetem Ende.

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