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Feuilleton

Geometrie des BEGEHRENS

1945 1960 1980 2000 2020

In "L'accademia delle muse" setzt sich der spanische Regisseur José Guerlain mit der Liebe und deren Fiktionalisierung auseinander. Ein tiefgehendes Filmerlebnis.

1945 1960 1980 2000 2020

In "L'accademia delle muse" setzt sich der spanische Regisseur José Guerlain mit der Liebe und deren Fiktionalisierung auseinander. Ein tiefgehendes Filmerlebnis.

Wahr ist: Der spanische Literaturprofessor Raffaele Pinto fragte Regisseur José Luis Guerin eines Tages, ob er nicht einen seiner Kurse filmisch begleiten möchte, den er über klassische italienische Literatur hält. Pinto hatte den Plan gefasst, während der Gesprächsrunden in einem Semester an der Universität Barcelona den Archetypus der "weiblichen Muse" auf seine Zeitgemäßheit zu überprüfen, kurz: Die Studentinnen auf ihre Tauglichkeit als Musen zu testen.

Was - besonders von feminis tischem Standpunkt aus - zuerst nach einer perfiden Idee klingt, wandelt sich in Guerins Film zu einer sinnlich dichten, intellektuell und visuell gleichermaßen treibenden Reflexion über Stimulation.

Die Erfindung der Liebe

Denn erfunden ist: die Liebe. Davon ist nicht zuletzt Pintos Ehefrau überzeugt, mit welcher der Professor zu Hause wiederkehrende Diskussionen über seinen Lehrversuch hat und in die sich allmählich wachsende Eifersucht mischt.

Die "Liebe als Erfindung der Literatur" ist eben nicht nur Gegenstand von Pintos Theorie über die Funktion der Muse (seiner Überzeugung nach ist sie nicht Instrument des Künstlers, aber aktive Gestalterin), sondern auch die Basis der Reflexionen, die sich aus den Gesprächen zwischen Pinto und seinen Studentinnen und den Frauen untereinander ergeben. Die Idee von Stimulation, oft vorschnell eben auch "Liebe" genannt, weist dabei nicht primär auf sexuelles Begehren hin, sondern auf eine besondere geistige, intellektuelle Verbindung. Denn was ist begehrliche Liebe denn, wenn nicht "Verlangen im Kopf".

Durch die Interventionen der Student(inn)en in Pintos Kurs, wo sich vor allem zwei junge Frauen hervortun, findet Guerin Ansatzpunkte, um fiktionale Charaktere zu entwickeln. Eine Analogie zu Jacques Derridas Interpretation der Liebesgeschichte zwischen Narziss und Echo liegt diesem Prozess zugrunde, die den Professor in die Nähe von Dante rückt und in gewisser Weise Filmemacher Guerin zu einem weiteren Liebhaber in der Gesamtkonstellation macht.

So funktioniert der Film als andauerndes Experiment der Perspektiven, ohne ein bestimmtes Resultat anzuvisieren. Formal drückt sich das in erster Linie durch die Handkamera aus, die Guerin selbst führte; inhaltlich durch die improvisierten Dialoge der nicht professionellen Darsteller, die permanent zwischen Irrationalität (also Gefühlen) und Vernunft (der Analyse von Gefühlen) pendeln.

Auf großartige Weise mischt sich so Guerins schweifender Blick mit einer tieferen Reflexion, ein absichtsloses Registrieren mit einer Verdichtung der Motive. Guerin selbst nennt das eine "Dialektik aus Plan und Zufall", die "zum innersten Wesen des Kinos gehört".

Bis auf wenige Ausnahmen filmt er alle Gespräche nur durch reflektierendes Glas, hinter dem die Protagonisten immer wie in einem Schachzug angeordnet sind; sonst aber verweigert Guerin den schnellen Gegenschnitt im Dialog. So entsteht unweigerlich eine Fiktionalität sowohl über das Gesprochene wie über das Gehörte - und nicht zuletzt den jeweiligen Sender und Empfänger. Zum anderen macht der Filmemacher so auch seine eigene Rolle sichtbar, denn schließlich ist es sein Blick, der eine jeweilige Idee begleitet, der sie lenkt und ihr eventuell verfällt. Pädagogik versteht Pinto als reziprokes System des Begehrens: "Lehren bedeutet immer verführen", auch wenn ihn seine Frau zurechtweist: "Du bist doch nicht Sokrates! Bitte!"

Sprache und ihre Wirkung

Viele Szenen entwickeln sich schier unvorhersehbar, besonders gelungen ist nicht nur in dieser Hinsicht der "Showdown" am Ende des Films zwischen Pintos Ehefrau und einer von Pintos Studentinnen-Geliebten. "Niemand entkommt der Sprache", erklärte Pinto beiden einmal, und Guerins präziser Schnitt ist gleichsam fesselnd.

Wann weiß denn einer schon, dass ihm der andere zum Prüfstein wird? - Ein Gedanke, der sich besonders in einer Sequenz aufdrängt, in der eine der Studentinnen nach einem Treffen mit einem philosophischen Hirten ihr Musendasein gefunden zu haben glaubt. Und ein Gedanke, der an einen anderen Film erinnert, der ebenfalls bald in Österreich zu sehen sein wird: Ruth Beckermanns "Die Geträumten" über den literarischen Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann.

Beide Filme sind Metafiktionen über die Liebe, über die Sehnsucht, über das Begehren und über (Un-)Möglichkeiten. Über Sprache und ihre Wirkung und darüber, was das Kino als Realität behandelt. Ein Satz, den Pinto in "Akademie der Musen" sagt, destilliert die Essenz: "Wir sprechen nur miteinander, um uns dessen zu vergewissern, was wir ohne Worte schon gesagt haben."

L'Accademia delle muse - Die Akademie der Musen

I/E. 2015. Regie: José Luis Guerin. Mit Emanuela Forgetta, Raffaele Pinto, Rosa Delor Muns. Stadtkino. 92 Min.

Wahr ist: Der spanische Literaturprofessor Raffaele Pinto fragte Regisseur José Luis Guerin eines Tages, ob er nicht einen seiner Kurse filmisch begleiten möchte, den er über klassische italienische Literatur hält. Pinto hatte den Plan gefasst, während der Gesprächsrunden in einem Semester an der Universität Barcelona den Archetypus der "weiblichen Muse" auf seine Zeitgemäßheit zu überprüfen, kurz: Die Studentinnen auf ihre Tauglichkeit als Musen zu testen.

Was - besonders von feminis tischem Standpunkt aus - zuerst nach einer perfiden Idee klingt, wandelt sich in Guerins Film zu einer sinnlich dichten, intellektuell und visuell gleichermaßen treibenden Reflexion über Stimulation.

Die Erfindung der Liebe

Denn erfunden ist: die Liebe. Davon ist nicht zuletzt Pintos Ehefrau überzeugt, mit welcher der Professor zu Hause wiederkehrende Diskussionen über seinen Lehrversuch hat und in die sich allmählich wachsende Eifersucht mischt.

Die "Liebe als Erfindung der Literatur" ist eben nicht nur Gegenstand von Pintos Theorie über die Funktion der Muse (seiner Überzeugung nach ist sie nicht Instrument des Künstlers, aber aktive Gestalterin), sondern auch die Basis der Reflexionen, die sich aus den Gesprächen zwischen Pinto und seinen Studentinnen und den Frauen untereinander ergeben. Die Idee von Stimulation, oft vorschnell eben auch "Liebe" genannt, weist dabei nicht primär auf sexuelles Begehren hin, sondern auf eine besondere geistige, intellektuelle Verbindung. Denn was ist begehrliche Liebe denn, wenn nicht "Verlangen im Kopf".

Durch die Interventionen der Student(inn)en in Pintos Kurs, wo sich vor allem zwei junge Frauen hervortun, findet Guerin Ansatzpunkte, um fiktionale Charaktere zu entwickeln. Eine Analogie zu Jacques Derridas Interpretation der Liebesgeschichte zwischen Narziss und Echo liegt diesem Prozess zugrunde, die den Professor in die Nähe von Dante rückt und in gewisser Weise Filmemacher Guerin zu einem weiteren Liebhaber in der Gesamtkonstellation macht.

So funktioniert der Film als andauerndes Experiment der Perspektiven, ohne ein bestimmtes Resultat anzuvisieren. Formal drückt sich das in erster Linie durch die Handkamera aus, die Guerin selbst führte; inhaltlich durch die improvisierten Dialoge der nicht professionellen Darsteller, die permanent zwischen Irrationalität (also Gefühlen) und Vernunft (der Analyse von Gefühlen) pendeln.

Auf großartige Weise mischt sich so Guerins schweifender Blick mit einer tieferen Reflexion, ein absichtsloses Registrieren mit einer Verdichtung der Motive. Guerin selbst nennt das eine "Dialektik aus Plan und Zufall", die "zum innersten Wesen des Kinos gehört".

Bis auf wenige Ausnahmen filmt er alle Gespräche nur durch reflektierendes Glas, hinter dem die Protagonisten immer wie in einem Schachzug angeordnet sind; sonst aber verweigert Guerin den schnellen Gegenschnitt im Dialog. So entsteht unweigerlich eine Fiktionalität sowohl über das Gesprochene wie über das Gehörte - und nicht zuletzt den jeweiligen Sender und Empfänger. Zum anderen macht der Filmemacher so auch seine eigene Rolle sichtbar, denn schließlich ist es sein Blick, der eine jeweilige Idee begleitet, der sie lenkt und ihr eventuell verfällt. Pädagogik versteht Pinto als reziprokes System des Begehrens: "Lehren bedeutet immer verführen", auch wenn ihn seine Frau zurechtweist: "Du bist doch nicht Sokrates! Bitte!"

Sprache und ihre Wirkung

Viele Szenen entwickeln sich schier unvorhersehbar, besonders gelungen ist nicht nur in dieser Hinsicht der "Showdown" am Ende des Films zwischen Pintos Ehefrau und einer von Pintos Studentinnen-Geliebten. "Niemand entkommt der Sprache", erklärte Pinto beiden einmal, und Guerins präziser Schnitt ist gleichsam fesselnd.

Wann weiß denn einer schon, dass ihm der andere zum Prüfstein wird? - Ein Gedanke, der sich besonders in einer Sequenz aufdrängt, in der eine der Studentinnen nach einem Treffen mit einem philosophischen Hirten ihr Musendasein gefunden zu haben glaubt. Und ein Gedanke, der an einen anderen Film erinnert, der ebenfalls bald in Österreich zu sehen sein wird: Ruth Beckermanns "Die Geträumten" über den literarischen Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann.

Beide Filme sind Metafiktionen über die Liebe, über die Sehnsucht, über das Begehren und über (Un-)Möglichkeiten. Über Sprache und ihre Wirkung und darüber, was das Kino als Realität behandelt. Ein Satz, den Pinto in "Akademie der Musen" sagt, destilliert die Essenz: "Wir sprechen nur miteinander, um uns dessen zu vergewissern, was wir ohne Worte schon gesagt haben."

L'Accademia delle muse - Die Akademie der Musen

I/E. 2015. Regie: José Luis Guerin. Mit Emanuela Forgetta, Raffaele Pinto, Rosa Delor Muns. Stadtkino. 92 Min.