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Feuilleton

"Gerade Strecken - wie demütigend sie sind"

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

"Das Ziel meiner Pilgerreise ist immer ein anderer Pilger." Diesen Satz zitiert die polnische Autorin Olga Tokarczuk in ihrem 2009 auf deutsch erschienenen Buch "Unrast" immer wieder. "Bieguni" hieß das ein Jahr zuvor publizierte Prosakunstwerk im Original. In Form unterschiedlicher Texte, die Geschichten anfangen, unterbrechen, fortsetzen, und an Orten wie Zügen, Hotels oder Wartesälen schreibt die Ich-Erzählerin ihre Texte über andere "Pilger", über die Versuche, Körper zu konservieren, oder den Schmerz eines abwesenden, weil abgetrennten Beins. Mit Gelegenheitsjobs hält sich die reisend Schreibende, die schreibend Reisende über Wasser.

Die Ich-Erzählerin hat wie die Autorin selbst Psychologie studiert, aber sie "konnte keine Erklärungen finden". Ihren aufmerksamen Blick wirft die 1962 in Sulechów bei Zielona Góra geborene Autorin auf die menschlichen Bedürfnisse, auch unterwegs noch einordnen und erklären, Geheimnisse ergründen und Phänomene in Koordinaten zwingen zu wollen. Dass Tokarczuk nun, zehn Jahre nach dem Erscheinen ihrer Prosa, für die englische Übersetzung gemeinsam mit der US-amerikanischen Übersetzerin Jennifer Croft mit dem renommierten internationalen Man Booker Prize ausgezeichnet wird, erstaunt nicht. Wundervollen Esprit, Fantasie und literarische Ausdruckskraft hat die Jury ihrem Buch zugestanden, doch sind es wohl auch die Themen, die brisant geblieben sind. Der englische Titel "Flights" verkürzt allerdings. Denn im Fokus ist nichts Geringeres als das Leben als Reise, das Verflüssigen von starren Grenzen und das Krümmen von geraden Linien, denn diese sind "demütigend".

Stark in Erinnerung ist mir die Geschichte von Eryk, dem Fährmann: Er bricht eines Tages aus der täglichen und in ihrem Hin und Her so demütigenden Routineroute zwischen Festland und Insel aus und steuert plötzlich mit allen Passagieren an Bord aufs offene Meer zu, seinen Blick "auf die Linie des Horizonts gerichtet, der bis jetzt seine Augen in zwei Hälften geschnitten hatte: eine, die vom Wasser dunkel, und die andere, die vom Wasser hell war". Von Polizeibooten wird er gestoppt, er landet im Gefängnis.

Dass ihm die Sympathie der Ich-Erzählerin gehört, ist offenkundig und sie spricht auch aus der ergebnislosen Rede seines Verteidigers. "Es gibt Dinge, die geschehen von selbst, es gibt Reisen, die beginnen und enden im Traum, und es gibt Reisende, die antworten auf den gestammelten Ruf ihrer eigenen Unruhe."

"Das Ziel meiner Pilgerreise ist immer ein anderer Pilger." Diesen Satz zitiert die polnische Autorin Olga Tokarczuk in ihrem 2009 auf deutsch erschienenen Buch "Unrast" immer wieder. "Bieguni" hieß das ein Jahr zuvor publizierte Prosakunstwerk im Original. In Form unterschiedlicher Texte, die Geschichten anfangen, unterbrechen, fortsetzen, und an Orten wie Zügen, Hotels oder Wartesälen schreibt die Ich-Erzählerin ihre Texte über andere "Pilger", über die Versuche, Körper zu konservieren, oder den Schmerz eines abwesenden, weil abgetrennten Beins. Mit Gelegenheitsjobs hält sich die reisend Schreibende, die schreibend Reisende über Wasser.

Die Ich-Erzählerin hat wie die Autorin selbst Psychologie studiert, aber sie "konnte keine Erklärungen finden". Ihren aufmerksamen Blick wirft die 1962 in Sulechów bei Zielona Góra geborene Autorin auf die menschlichen Bedürfnisse, auch unterwegs noch einordnen und erklären, Geheimnisse ergründen und Phänomene in Koordinaten zwingen zu wollen. Dass Tokarczuk nun, zehn Jahre nach dem Erscheinen ihrer Prosa, für die englische Übersetzung gemeinsam mit der US-amerikanischen Übersetzerin Jennifer Croft mit dem renommierten internationalen Man Booker Prize ausgezeichnet wird, erstaunt nicht. Wundervollen Esprit, Fantasie und literarische Ausdruckskraft hat die Jury ihrem Buch zugestanden, doch sind es wohl auch die Themen, die brisant geblieben sind. Der englische Titel "Flights" verkürzt allerdings. Denn im Fokus ist nichts Geringeres als das Leben als Reise, das Verflüssigen von starren Grenzen und das Krümmen von geraden Linien, denn diese sind "demütigend".

Stark in Erinnerung ist mir die Geschichte von Eryk, dem Fährmann: Er bricht eines Tages aus der täglichen und in ihrem Hin und Her so demütigenden Routineroute zwischen Festland und Insel aus und steuert plötzlich mit allen Passagieren an Bord aufs offene Meer zu, seinen Blick "auf die Linie des Horizonts gerichtet, der bis jetzt seine Augen in zwei Hälften geschnitten hatte: eine, die vom Wasser dunkel, und die andere, die vom Wasser hell war". Von Polizeibooten wird er gestoppt, er landet im Gefängnis.

Dass ihm die Sympathie der Ich-Erzählerin gehört, ist offenkundig und sie spricht auch aus der ergebnislosen Rede seines Verteidigers. "Es gibt Dinge, die geschehen von selbst, es gibt Reisen, die beginnen und enden im Traum, und es gibt Reisende, die antworten auf den gestammelten Ruf ihrer eigenen Unruhe."