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Aufbrechen oder ankommen

1945 1960 1980 2000 2020

Neugierig ins offene fahren oder endlich zum Vertrauten Heimkommen: die Literatur erzählt über die miteinander ringenden Kräfte und Sehnsüchte des Menschen.

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Neugierig ins offene fahren oder endlich zum Vertrauten Heimkommen: die Literatur erzählt über die miteinander ringenden Kräfte und Sehnsüchte des Menschen.

Aufbrechen, Abenteuer und Ankommen: seit Jahrhunderten erzählen Märchen, Legenden, Sagen, Lieder, Epen, Romane, Gedichte vom Reisen. Von Wagnis oder Zwang wegzugehen, vom sich Bewähren in der Fremde oder vom Scheitern angesichts unlösbarer Aufgaben, von der Sehnsucht nach dem Heimathafen – oder nach unbekannten Inseln. In die Geschichte über einen der berühmtesten Reisenden der Literaturgeschichte, Odysseus, haben sich alle diese Motive eingeschrieben. Mehr noch: die sich im Lauf der Jahrhunderte ständig verändernde Geschichte seiner Geschichte liest sich wie eine Erzählung über die miteinander ringenden Kräfte und Sehnsüchte des Menschen.

In der berühmtesten Überlieferung, jener von Homer gesungenen, war Odysseus nicht freiwillig unterwegs, ein Kriegsheimkehrer, der zwanzig Jahre brauchte, um endlich seine inzwischen von Freiern umringte Penelope wiederzusehen. Dass er in jenen Jahren allerdings nicht nur schweren Prüfungen ausgesetzt war, sondern es ihm auf manchen Inseln ganz gut erging und sich daher ab und zu die Lust heimzukehren womöglich stark in Grenzen hielt, das deuteten viele Dichter und Schriftsteller an, etwa Michael Köhlmeier in seinem von Marcel Reich-Ranicki so vernichtend kritisierten Roman „Kalypso“.

Mit der Heimkehr endet Odysseus’ Fahrt zwar in der „Odyssee“, darüber hinaus aber nicht. In der „Telegonie“ (6. Jh. v. Chr.) etwa bricht Odysseus wieder auf. Jahrhunderte später erzählt Dante, dass Odysseus gar nicht heimkehren, sondern ausbrechen, aufbrechen wollte.

Böser Ratschlag?

In Dantes „Göttlicher Komödie“ trifft man Odysseus deswegen in der Hölle, im achten Graben des achten Höllenkreises bei den bösen Ratgebern und Betrügern. Odysseus erzählt, dass er bei den Säulen des Herkules, den Grenzen der bekannten Welt, nicht haltgemacht, sondern seine Begleiter überredet hat, weiter hinauszufahren, ins offene Meer. Sie erlitten Schiffbruch: Endstation Hölle. Die Anstiftung zur Fahrt ins Offene, zum neugierigen Aufbruch, zum Nichtzurruhesetzen als böser Ratschlag?

„Ihr seid nicht da, zu leben wie die Tiere“, begründet Dantes Odysseus seinen Hinweis auf die Möglichkeit, „an diesem eurem kurzen Lebensabend, / der unsern wachen Sinnen noch verblieben“, der Neugier nachzugehen, nach Wissen zu streben – und von diesem Aufruf zur Unruhe ist es nicht weit zu dem jüngst erschienenen Buch der polnischen Autorin Olga Tokarczuk, „Unrast“, in dem man Sätze wie folgende lesen kann: „Gerade Strecken – wie demütigend sie sind. Wie sie den Geist abtöten ... hin und her, die Parodie einer Reise.“ Nicht von ungefähr finden sich in diesem Prosaband – der sich keiner literarischen Gattung zuordnen lässt – Zeichnungen und Karten aus unterschiedlichsten Zeiten eingestreut, darunter etwa ein Plan von Jerusalem um 1200, oder als letzte ein Versuch aus dem Jahr 1911, die Schiffsroute der „Odyssee“ nachzuzeichnen.

„Das Ziel meiner Pilgerreise ist immer ein anderer Pilger.“ Dieser wiederholte Satz verbindet Begegnungen mit und Erfindungen von anderen Reisenden. Da gibt es zum Beispiel Eryk, der drei Jahre unschuldig im Gefängnis einsaß und dort als „Lehrbuch“ „Moby Dick“ von Herman Melville las und damit in einem Buch „Englisch für Fortgeschrittene, einen Kurs in Literatur- und Walkunde sowie Psychologie und Reisewissenschaft“. Eryk, der Fährmann, der jeden Tag nach sechs Fahrten nicht mehr nüchtern ist, bricht eines Tages aus der in ihrem Hin- und Her demütigenden Routineroute zwischen Festland und Insel aus und steuert plötzlich mit allen Passagieren an Bord aufs offene Meer zu, bis er von Polizeibooten gestoppt wird – und wieder im Gefängnis landet. Dass ihm die Sympathie der Ich-Erzählerin gehört, ist offenkundig.

Keine Sünde

In „Unrast“ ist Aufbruch keine Sünde, sondern Notwendigkeit: „ich bin ein Anti-Anteus“, behauptet die Ich-Erzählerin. „Meine Energie schöpft sich aus der Bewegung – aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Dröhnen von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen.“ An Orten wie Zügen, Hotels oder Wartesälen schreibt sie ihre Texte über andere „Pilger“, über die Versuche, Körper zu konservieren, oder den Schmerz eines abwesenden, weil abgetrennten Beins. Mit Gelegenheitsjobs hält sich die reisend Schreibende, die schreibend Reisende über Wasser. Die Eltern, bei ihren Reisen mit dem Wohnwagen unterwegs, waren „keine echten Reisenden“, meint diese Ich-Erzählerin, „denn sie reisten, um zurückzukehren.“

Keine echten Reisenden

„Und immer kehrten sie erleichtert heim, hatten das Gefühl, eine Pflicht gut erfüllt zu haben. Sie kamen zurück und nahmen den Stapel Briefe und Rechnungen von der Kommode. Machten große Wäsche. Langweilten die heimlich gähnenden Freunde mit ihren Fotos zu Tode. Das sind wir in Carcassonne. Und hier ist meine Frau, vor der Akropolis.

Dann führten sie das ganze Jahr ein sesshaftes Leben, dieses merkwürdige Leben, in dem man morgens da weitermacht, wo man am Abend aufgehört hat, in dem die Kleidung ganz vom Geruch der eigenen Wohnung durchdrungen ist und die Füße unermüdlich ihren Pfad auf dem Teppich treten.

Das ist nichts für mich.“

Nichts für die Ich-Erzählerin ist auch der angelernte Beruf, die Psychologie, denn sie „konnte keine Erklärungen finden“. „Niemand“, antwortete Odysseus in der Höhle dem Polyphem auf die Frage, wer er sei. Die unangenehme Erfahrung, als Frau über Vierzig unsichtbar geworden zu sein, macht sich Tokarczuks Ich-Erzählerin für ihre Beobachterrolle zunutze. Ihren aufmerksamen Blick wirft sie auf die menschlichen Bedürfnisse, selbst unterwegs noch einordnen und erklären, Geheimnisse ergründen und Phänomene in Koordinaten zwingen zu wollen: so karikiert sie etwa Vorträge auf Flughäfen in Sachen Reisepsychologie oder räsoniert über die Baedeker, die die Orte für immer „festgenagelt“ haben.

Metapher für das Leben

Wenn sie das Ein- und Zuordnungsbedürfnis sogar bei den Rucksacktouristen findet, wird die Reise als Metapher für das Leben besonders deutlich lesbar: „Abends kommen sie in diesen Hostels an, und beim Essen stellen sie einander Die Drei Reisefragen. Woher bist du? Woher kommst du gerade? Wohin fährst du? Die erste Frage stellt die senkrechte Achse dar, die nächsten beiden die waagrechte. Mit Hilfe dieser Konfiguration können sie eine Art Koordinatensystem erstellen, und wenn es ihnen gelungen ist, einander auf dieser Karte zu platzieren, können sie ruhig schlafen.“

Gegen die Baedeker-Beschreibungen hält sie die Literatur: „Moby Dick“ etwa als wunderbaren Reiseführer oder das eigene Schreiben, das die messbaren Koordinaten hinterfragt und sich keinen Ordnungen unterwirft. Ihre Geschichten fangen an, brechen ab, werden fortgesetzt oder auch nicht, erzählen vom Schmerz, Geheimnisse nicht ergründen zu können – und ergründen sie auch nicht. „In meinem Schreiben wurde das Leben zu unvollständigen Erzählungen, traumgleichen kleinen Geschichten mit ausfransenden Erzählfäden, von weitem erschien es in ungewöhnlich verschobenen Perspektiven oder wie ein Querschnitt – und es ließen sich kaum Schlussfolgerungen auf das Ganze ziehen.“

Wer den „Ulysses“ nicht lesen könne, könne auch nicht leben, soll James Joyce über seinen Odysseus einmal gesagt haben. So überspitzt ist diese Äußerung gar nicht, steht doch das Leben der Literatur in Komplexität im besten (und nicht demütigenden) Fall in nichts nach. Joyce’ berühmter Odysseus übrigens, Herr Bloom aus Dublin, steht am Ende des langen erzählten Tages nachts vor seinem Haus, nicht mehr nüchtern, ohne Schlüssel und vor entscheidenden Fragen: „Rein oder Nichtrein. Klopfen oder Nichtklopfen.“

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