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Feuilleton

Geschichte einer Flucht

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Faksimile-Bildbände über die Pessach-Haggada, die einander hervorragend ergänzen.

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Faksimile-Bildbände über die Pessach-Haggada, die einander hervorragend ergänzen.

Selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind", werden "im tiefsten Herzen erschüttert, wenn ihnen die alten wohlbekannten Paschaklänge zufällig ins Ohr dringen", schreibt Heinrich Heine in seinem Prosa-Fragment "Der Rabbi von Bacherach". Die "in Gold und Sammt" gebundene, 1723 für seinen Urgroßvater, den Hoffaktor Lazarus von Geldern angefertigte "Von Geldern Haggadah" mit ihren "verjährten Weinflecken", aus der zum Pessach- oder Paschafest am Sederabend vorgelesen wurde und deren sich Heine beim Schreiben der Erzählung wahrscheinlich erinnerte, galt bis vor kurzem als unzugänglich. Seit kurzem liegt sie als wunderbar gedruckte Faksimile-Ausgabe vor, in deutscher Ausgabe bei Brandstätter. Angesichts seiner Illustrationen, aber auch der herrlichen Kalligraphie, fällt es nicht schwer, den Eindruck nachzuvollziehen, den dieses Buch, direkt oder als Familienlegende, auf den jungen Heine ausübte. (Übrigens: Ein Nachkomme der Linie Geldern, Direktor Heine-Geldern, sein Vorname ist dem Rezensenten leider entfallen, war nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit in zentraler Funktion im Verlagsmanagement der Furche tätig.)

Nun gesellte sich eine zweite Haggada-Publikation hinzu: "Die Pessach-Haggada" (Verlag Knesebeck). In diesem Werk versammelt Rabbiner Michael Shire Faksimile-Reproduktionen illuminierter mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung des British Museums: Aus der Aschkenasi-Haggada, der Barcelona-Haggada und der Goldenen Haggada. Das eine Buch vermittelt die Begegnung mit einer vollständigen, besonders eindrucksvoll illustrierten späten Haggada, das andere bietet einen Überblick über Reichtum und stilistische Bandbreite mittelalterlicher Haggadas.

Was diese beiden Publikationen für mehr oder weniger traditionsverbundene Juden bedeuten mögen, läßt die Widmung Rabbi Shires erahnen: "Für meine Eltern, die unsere Sederfeiern zu solch einer intellektuellen, spirituellen, innovativen und kulinarischen Erfahrung gemacht haben und für alle, die die Sederfeiern mit Marcia und mir in unserem Haus gefeiert haben." Dem Nichtjuden aber ermöglichen sie ein Eintauchen in die religiöse Welt des Judentums und ein Verstehen und Erleben der geistigen Ressourcen, auf die Juden in Zeiten der Ausgrenzung und Verfolgung zurückgreifen konnten. Zeiten ohne Ausgrenzung und Verfolgung waren aber in Europa für die Juden bekanntlich selten, und Orte (wie etwa Amsterdam), wo sie über längere Phasen weder ausgegrenzt noch verfolgt wurden, spärlich.

Historische Erinnerung spielt in der jüdischen Religion bekanntlich eine gewaltige Rolle. Haggada bedeutet Erzählung, und jeweils am ersten Abend des Pessach-Festes wird die Geschichte des Auszuges der Israeliten aus Ägypten vorgelesen und der Bund mit Gott erneuert.

In beiden Büchern werden die Pessach-Bräuche von kompetenten Autoren auf verschiedene, einander ergänzende Weisen erläutert, der Textteil des Van-Geldern-Faksimiles enthält Heines Erzählung.

Die Von Geldern Haggadah und Heinrich Heines "Der Rabbi von Bacherach" Herausgeber: Emile G.L. Schrijver, Falk Wiesemann, Christian Brandstätter, Wien 1997, 80 Seiten Textteil, 52 Seiten Faksimile, Ln., öS 690, Die Pessach Haggada Herausgegeben und kommentiert von Rabbiner Dr. Michael Shire, Verlag Knesebeck, München 1998, 62 Seiten, Faksimiles, geb., öS 364,-