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Feuilleton

Gesellschaft, traumatisiert

1945 1960 1980 2000 2020

"Cure - Das Leben einer anderen" von Andrea Staka erzählt ein Coming-of-Age-Drama vor dem Hintergrund des Balkankrieges der 1990er Jahre.

1945 1960 1980 2000 2020

"Cure - Das Leben einer anderen" von Andrea Staka erzählt ein Coming-of-Age-Drama vor dem Hintergrund des Balkankrieges der 1990er Jahre.

Im Sommer 1993 hat Dubrovnik ihre Belagerung durch serbische Truppen bereits ein Jahr hinter sich. Was geblieben ist, ist das Bild eines Krieges, das sich fest in die Köpfe der Menschen eingebrannt hat. Es wieder aus dem Alltag zu bekommen, hieße, sich in Verdrängung zu üben."

Verdrängung ist eines der Themen in Andrea Stakas zweitem Spielfilm "Cure - Das Leben einer anderen". Nach ihrem Debüt mit "Das Fräulein" (2006), der einen Goldenen Leoparden in Locarno erhielt, hat die in der Schweiz geborene Regisseurin mit kroatischen Wurzeln eine sehr persönliche Arbeit vorgelegt, in der sie auch autobiografische Begebenheiten verarbeitet, darunter jene Stimmung, die nach dem Krieg vorherrschte.

Linda wird Eta

Die Geschichte beginnt in einem Wald oberhalb der Stadt, entlang der zahlreichen Klippen, die steil in die Tiefe führen. Dort wandelt die 14-jährige Eta (Lucia Radulovic´) und die aus Zürich angereiste Linda (Sylvie Marinkovic´) träumerisch durch den Tag; man unterhält sich über Burschen und erklärt einander Schimpfwörter auf Kroatisch und Schweizerdeutsch. Mädchensachen eben. Minuten später jedoch wendet sich das Blatt: Linda wird ihre Freundin Eta von einer steilen Klippe in die Tiefe stoßen.

"Cure -Das Leben einer anderen" beginnt als Coming-of-Age-Drama und wird schnell zum Psychogramm einer verängstigten Gesellschaft: Die abgestürzte Eta existiert in ihr weiter: Obwohl Linda bei der Polizei geständig ist, wird sie von Etas Großmutter und der restlichen Familie einfach wie Eta behandelt. Das hat damit zu tun, meint Staka, dass man in Dubrovnik gerne "die Gardinen schließt und so auch Schmerz und Trauer aussperrt". Die Frauen haben sich daran gewöhnt, ihre Männer und Söhne im Krieg zu verlieren. Wenn sie jetzt auch noch die Tochter oder Enkelin verlieren, bleibt ihnen nichts mehr, als all das zu verdrängen. Dass Linda daher zu Eta gemacht wird, ist nur die logische Konsequenz in einer traumatisierten Gesellschaft. Die Tote erscheint Linda regelmäßig und mahnt sie, ihr Tagebuch zu verstecken, ehe es die Oma findet. Linda muss zu sich selbst finden, in einer Fremde, die zugleich ihr Zuhause ist.

Zwischen Wahrheit und Wahn

Der Filmtitel "Cure" ist dabei mit Absicht doppeldeutig gewählt: Einerseits bedeutet das Wort im Englischen so viel wie "Heilung", andererseits bezeichnet es im Kroatischen Mädchen, präziser: "Gören". So doppeldeutig ist auch die Erzählung geraten, die Staka stets zwischen Realismus und einem Anflug von Fantasie pendeln lässt.

Zwischen Wahrheit und Wahn, das trifft es vermutlich besser. Das bringt mit sich, dass "Cure" durchaus spröder geraten ist als Stakas Erstling "Das Fräulein"."Cure" ist in gewisser Weise ein unnahbarer Film, das hat auch mit den Blicken seiner wunderbaren Hauptdarstellerin Sylvie Marinkovic´ zu tun. Sie sieht immer so aus, als verberge sie ein Geheimnis.

Cure - Das Leben einer anderen

CH/HR/BiH 2014. Regie: Andrea Staka. Mit Sylvie Marinkovic´, Lucia Radulovic´, Marija Skaric ic´, Filmladen. 83 Min.