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Feuilleton

Gewaltig ist der Schrecken

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Alexander Zemlinskys Opern-Spiel "Der König Kandaules" im Kleinen Festspielhaus. Salzburger Luxuspflege des musikalischen Erbes der Moderne.

Kulturpessimisten sind notorische Schwarzseher. Der Blick darauf, was neu entsteht, was weiterbesteht, wird ihnen verstellt von der übermächtigen Trauer darüber, was verloren geht. "Es erscheint wie eine bittere Ironie der Geschichte", resümierte nun Intendant Peter Ruzicka in seiner viel beachteten Eröffnungsrede, "dass die Salzburger Festspiele, die einst als Bollwerk gegen den Ausverkauf des Abendlandes errichtet wurden, nun selbst den hochmütigen Spott der Kulturpessimisten auf sich ziehen."

Hohn und Spott, Gift und Galle - mit nichts tut ein auf die Bewahrung des kulturellen Erbes Bedachter den Salzburger Festspielen mehr Unrecht, denn Salzburg ist trotz aller Unkenrufe ein mächtiges Bollwerk gegen die Zumutungen zeitgenössischer Zivilisation. Trotz "Party-, Vergnügungs- und Eventkultur" (Ruzicka) auch an der Salzach, stehen hier unerschütterlich die musiktheatralischen Werke der Moderne auf dem Spielplan, denen ein verblendetes, auf Verständlichkeit, ja sogar auf die Empfindung von Freude perverserweise fixiertes Publikum seit Jahrzehnten schon die verdiente Aufmerksamkeit verweigert.

Heuer wird dieser Teil des kulturellen Erbes in Form von Alexander Zemlinskys "Der König Kandaules" im Kleinen Festspielhaus gepflegt. Zemlinsky (1871 bis 1942) war keiner von jenen, die Musikgeschichte schrieben und vorantrieben, aber in seinen Werken schlagen sich die Entwicklungen der modernen Musik - mit Ausnahme der Zwölftontechnik - derart exemplarisch nieder, dass der lange vergessene Komponist seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Renaissance erlebt, die zwar Schönberg und Adorno prophezeit haben, mit der ansonsten aber kaum jemand gerechnet hat.

Mit Christine Mielitz am Regiesessel, einem Bühnenbild des greisen Alfred Hrdlicka, das er selbst als "chaotisch, assoziativ, fragmentarisch" beschreibt und mit Kent Nagano am Pult, der das Deutsche Symphonie Orchester leitet, hat Salzburg nun eine absolute Luxus-Aufführung der in den dreißiger Jahren geschriebenen Oper auf die Beine gestellt.

Der Kandaules-Stoff - zumindest in der dem Drama Andé Gides folgenden Interpretation Zemlinskys - hat auch wenig Gegenwartsbezug: Der König Kandaules (Robert Brubaker) nötigt den Fischer Gyges (Wolfgang Schöne), seine königliche Gemahlin Nyssia (Nina Stemme) nackt zu sehen und zu beschlafen. Daraufhin bringt Nyssia Gyges dazu, Kandaules zu ermorden und an seiner statt König zu werden. Bei Zemlinsky geht es bei der von Herodot überlieferten Historie um die Frage, ob der Mensch sein Glück verbergen oder offenbaren soll - eine in einer Epoche des Exhibitionismus wenig angesagte Problematik. Dass Gyges zu Beginn seine Fischersfrau Trydo aus niedersten Instinkten und ungesühnt ermordet und dadurch die Freundschaft des als Schöngeist gezeichneten Kandaules gewinnt, macht das Libretto für Zeitgenossen nicht gerade ansprechender.

Die musikalischen Höhepunkte, allesamt Ergebnis zuerst unmerklicher, dann jäh in Bläserattacken daherrollender Steigerungen, mögen dafür entschädigen: gewaltig ist der Schrecken, der bei der Ermordung Trydos zwischen der Melodik lauert und schließlich hervorbricht. Heldisch wird es, als sich die Lage am Ende zuspitzt und in der Ermordung Kandaules' gipfelt: Wolfgang Schöne und Nina Stemme sind Wagner-geeicht genug, um dieses bebende Finale mit Bravour zu meistern. Aus der musikalisch überwältigenden Entkleidungsszene - Frau Stemme scheut sich hier nicht, bis zum Äußersten zu gehen - formt Regisseurin Mielitz ein archetypisches Bild von loderndem Feuer, hinter dem sich ein Hrdlicka-Gigant schmerzvoll aus einer Felswand windet. Welch ein Ende eines Aktes, der mit Hofschranzen begann, die sich Champagner schlürfend durch die Reihen der Festspiel-Gäste schlängeln!

"Nun quält mich die Musik", singt Kandaules zu Beginn des zweiten Aufzuges. Das dachte auch ein für eine Opernpremiere erstaunlich großer Teil des Publikums: Nach der Pause blieb so mancher der Sitze frei. Die Verbleibenden freilich spendeten frenetischen Applaus. Für Kulturpessimismus also kein Anlass. Oder?