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Keine Kritik an Reichenau

Schön war's wieder in Reichenau an der Rax - die Landschaft, in der sich seit über 100 Jahren das goldene Wienerherz erholt, und dazu noch die vertrauten Festspiele: Hier gibt es keine Experimente, hier hat der Gottseibeiuns der Wiener Hofräte, das "deutsche Regietheater", noch nichts verloren, hier treten einfach berühmte Schauspieler auf und spielen die Stücke, wie sie im Buch stehen - "werktreu" nennt man das. Und das funktioniert auch: 43.000 Karten wurden heuer verkauft. Heuer, wo diese Festspiele 20 Jahre alt geworden sind.

Darum gab es auch so viele Medienberichte. Sogar Die Zeit hat Reichenau einen großen Artikel gewidmet - auf der Reiseseite. Und auch ein langer Bericht der Süddeutschen schrieb unter dem treffenden Titel "Hochkultur und Höhenluft" mehr über Ambiente und Atmosphäre als über das Theater. Doch die Furche hat nach Jahren regelmäßiger Berichterstattung zu Reichenau kein Wort verloren. Denn sie hat keine Karten bekommen. Die Furche hat nämlich in den letzten Jahren kritisch geschrieben, und da wird das Intendantenehepaar Peter und Renate Loidolt leicht ungnädig. "Ja dürfen's denn das?" fragt man in Reichenau. Dort gilt halt die Habsburger Tradition noch etwas.

Sollte dieses Prinzip einreißen, würden Verlage nach negativen Rezensionen keine Bücher mehr schicken und Museen unliebsame Kritiker aussperren. Aber keine Angst: Überall sonst kann man professionell unterscheiden zwischen einem Interview, das man verweigern kann, wenn man ein Medium oder einen Journalisten nicht schätzt, und dem Umgang mit Kritik. Nur in Reichenau ist halt alles ein bisserl anders. Ein bisserl monarchisch. Verwunderlich eigentlich, dass man kein Gedenken eingelegt hat für das 90-jährige Ende der Monarchie; wo doch auch Otto Habsburg den Ort so sehr schätzt. Aber wahrscheinlich tut das einfach noch zu weh in Reichenau.

cornelius.hell@furche.at

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