Digital In Arbeit
Feuilleton

Kurt Tucholsky als Pilot

1945 1960 1980 2000 2020

Der Film "Gripsholm" des Regisseurs Xavier Koller ist ein krasser Fall von Literaturvernichtung.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Film "Gripsholm" des Regisseurs Xavier Koller ist ein krasser Fall von Literaturvernichtung.

Romane eins zu eins verfilmen, das kann und soll man nicht. Das ist wohl jedem klar. Aber aus einem intellektuellen Schreibtischmenschen einen wilden Beinahe-Bruchpiloten machen, das kann man auch nicht, und wenn das einem Regisseur nicht klar ist, soll er die Finger von den Juwelen der Weltliteratur lassen. Tucholsky am Steuerknüppel: Das ist nicht "unkonventionell", das ist Literaturvernichtung. Der scheinheilige Zusatz "Nach Motiven von Kurt Tucholsky" liefert dafür nicht den Hauch einer Entschuldigung. Die Personen des Romans sind nun einmal die des Romans "Gripsholm" von Kurt Tucholsky.

Dabei fängt der gleichnamige Film von Xavier Koller vielversprechend, oder sagen wir lieber: halbvielversprechend, an. Koller legt den Schatten von Hitlers Machtergreifung schwer über Tucholskys leichten Sommerroman, in den die Politik so gar nicht hineinspielte, lässt die alten Freunde Kurt und Karlchen sich entzweien, denn Karlchen kann Hitler manches abgewinnen: Das ist erlaubt und könnte funktionieren.

Der Sinkflug des Films beginnt schon damit, dass er aus der biederen Schwedin, die Kurt und Lydia ein Zimmerchen in einem Nebengebäude von Schloß Gripsholm vermietet, einen Baron und aus dem anonymen Urlaub des Liebespaares eine feudale Einladung macht. Welche Ironie: Tucholskys Kommentar zur Sucht der Regisseure, ihre Filme aufzumotzen, fand ich in meiner Werkausgabe eine Seite hinter "Gripsholm": "Sie könnens nicht lassen: es ist bei ihnen alles viel zu fein ... vorn stehen Diener, hinten stehen Diener, und in der Mitte stehn Silberdiener". Silberdiener hätte Tucholsky auch zum Baron und zum Schlafzimmer im Schloss gesagt. Und vielleicht Silberdiener auf Rädern zum Auto, in dem Lydias Freundin Billie anrückt, obwohl er ja selbst auch im Auto in Schweden unterwegs war. Doch erst der Doppeldecker, mit dem Karlchen landet, und der zweite Doppeldecker, mit dem Tucholsky seine Flugkünste vorführt, hauen dem Fass die Pauke aus, um es auf Tucholskysch zu sagen.

Aber Xavier Koller motzt natürlich nicht nur mit Requisiten auf. Die Ohrfeige, die Lydia nach geglückter Landung Kurt verpasst: Reine Motze. Keine Ohrfeige im Roman. Und aus den Gedanken Tucholskys, die er sich im Roman als Ich-Erzähler über die fehlende sexuelle Befriedigung der schrecklichen Frau Adriani macht (die arme Anette Felber mimt sie als Karikatur), wird im Film eine grobe, taktlose Aufschneiderei.

Wer "Gripsholm" gelesen hat, kann sich nun mühelos ausrechnen, was aus jener Bettszene zu Dritt gemacht wurde, in der Tucholsky vorführt, wie man Anstößiges auf die feinste, indirekteste Weise sagen kann: Ein schönes Bettballett.

Das Ganze ist genau das, was Kurt Tucholsky dem Film vorwirft: "Viel zu fein!" Wer möchte nicht vom Baron ins Schloss eingeladen werden, wer möchte keinen Doppeldecker fliegen können. Xavier Koller bietet über weite Strecken eine Schwelgerei in dem, wovon Tucholsky sagt: "Das sind verjährte Wunschträume."

Er hätte es nicht notwendig. Dass es auch anders ginge, zeigt er ja gleich am Beginn. Es liegt nicht am Können als Regisseur. Es liegt schon gar nicht an den Darstellern: Ulrich Noethen ist als Tucholsky überzeugend, Heike Makatsch eine Lydia, die man ihm wünscht, Jasmin Tabatabai als Billie gönnt man ihm gerne dazu, und Sara Föttinger ist die Idealbesetzung der kleinen Ada. Es liegt daran, dass Koller "Gripsholm" offenbar nur als Material ernst nahm. Mit dieser Haltung verfilmt man keine Weltliteratur, und Tucholsky schon gar nicht.

Romane eins zu eins verfilmen, das kann und soll man nicht. Das ist wohl jedem klar. Aber aus einem intellektuellen Schreibtischmenschen einen wilden Beinahe-Bruchpiloten machen, das kann man auch nicht, und wenn das einem Regisseur nicht klar ist, soll er die Finger von den Juwelen der Weltliteratur lassen. Tucholsky am Steuerknüppel: Das ist nicht "unkonventionell", das ist Literaturvernichtung. Der scheinheilige Zusatz "Nach Motiven von Kurt Tucholsky" liefert dafür nicht den Hauch einer Entschuldigung. Die Personen des Romans sind nun einmal die des Romans "Gripsholm" von Kurt Tucholsky.

Dabei fängt der gleichnamige Film von Xavier Koller vielversprechend, oder sagen wir lieber: halbvielversprechend, an. Koller legt den Schatten von Hitlers Machtergreifung schwer über Tucholskys leichten Sommerroman, in den die Politik so gar nicht hineinspielte, lässt die alten Freunde Kurt und Karlchen sich entzweien, denn Karlchen kann Hitler manches abgewinnen: Das ist erlaubt und könnte funktionieren.

Der Sinkflug des Films beginnt schon damit, dass er aus der biederen Schwedin, die Kurt und Lydia ein Zimmerchen in einem Nebengebäude von Schloß Gripsholm vermietet, einen Baron und aus dem anonymen Urlaub des Liebespaares eine feudale Einladung macht. Welche Ironie: Tucholskys Kommentar zur Sucht der Regisseure, ihre Filme aufzumotzen, fand ich in meiner Werkausgabe eine Seite hinter "Gripsholm": "Sie könnens nicht lassen: es ist bei ihnen alles viel zu fein ... vorn stehen Diener, hinten stehen Diener, und in der Mitte stehn Silberdiener". Silberdiener hätte Tucholsky auch zum Baron und zum Schlafzimmer im Schloss gesagt. Und vielleicht Silberdiener auf Rädern zum Auto, in dem Lydias Freundin Billie anrückt, obwohl er ja selbst auch im Auto in Schweden unterwegs war. Doch erst der Doppeldecker, mit dem Karlchen landet, und der zweite Doppeldecker, mit dem Tucholsky seine Flugkünste vorführt, hauen dem Fass die Pauke aus, um es auf Tucholskysch zu sagen.

Aber Xavier Koller motzt natürlich nicht nur mit Requisiten auf. Die Ohrfeige, die Lydia nach geglückter Landung Kurt verpasst: Reine Motze. Keine Ohrfeige im Roman. Und aus den Gedanken Tucholskys, die er sich im Roman als Ich-Erzähler über die fehlende sexuelle Befriedigung der schrecklichen Frau Adriani macht (die arme Anette Felber mimt sie als Karikatur), wird im Film eine grobe, taktlose Aufschneiderei.

Wer "Gripsholm" gelesen hat, kann sich nun mühelos ausrechnen, was aus jener Bettszene zu Dritt gemacht wurde, in der Tucholsky vorführt, wie man Anstößiges auf die feinste, indirekteste Weise sagen kann: Ein schönes Bettballett.

Das Ganze ist genau das, was Kurt Tucholsky dem Film vorwirft: "Viel zu fein!" Wer möchte nicht vom Baron ins Schloss eingeladen werden, wer möchte keinen Doppeldecker fliegen können. Xavier Koller bietet über weite Strecken eine Schwelgerei in dem, wovon Tucholsky sagt: "Das sind verjährte Wunschträume."

Er hätte es nicht notwendig. Dass es auch anders ginge, zeigt er ja gleich am Beginn. Es liegt nicht am Können als Regisseur. Es liegt schon gar nicht an den Darstellern: Ulrich Noethen ist als Tucholsky überzeugend, Heike Makatsch eine Lydia, die man ihm wünscht, Jasmin Tabatabai als Billie gönnt man ihm gerne dazu, und Sara Föttinger ist die Idealbesetzung der kleinen Ada. Es liegt daran, dass Koller "Gripsholm" offenbar nur als Material ernst nahm. Mit dieser Haltung verfilmt man keine Weltliteratur, und Tucholsky schon gar nicht.