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Mrs. Robinson und der Tankwart

Ein junger Mann verliebt sich in eine ältere, verheiratete Frau. Um sie zu erobern, verliert er in neun Wochen fünfzehn Kilo und schließlich seine Unschuld, verspricht der Klappentext. Klingt nach einer Mischung aus "Lolita" und "Mrs. Robinson". Ist es aber nicht, denn der Urheber des Textes ist ein gewisser Wolf Haas, den meisten als Schöpfer des schrulligen Detektivs Simon Brenner bekannt. Und so ist der titelgebende junge Mann zwölf, aufgrund übermäßigen Trostsüßigkeitenkonsums nach einem Beinbruch im Kleinkindalter stark übergewichtig, obendrein wird er auch noch oft für ein Mädchen gehalten. Als er im Sommer an einer Tankstelle jobbt, Pardon, der Roman spielt in der österreichischen Provinz der 1970er Jahre, da wurde nicht gejobbt, da hat man ferialgearbeitet, verschaut er sich ausgerechnet in Elsa, die Frau des coolen Lastwagenfahrers und Autofreaks Tscho. "Niemand sprach einen schöneren Dialekt als wie sie." Wie sollte man sich da nicht verlieben. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit scheint Elsa tatsächlich Interesse am jungen Erzähler zu haben, die beiden freunden sich an. Und schließlich begleitet er Tscho auf eine Tour quer durch Südosteuropa bis nach Griechenland. Zwei ungleiche Typen gemeinsam unterwegs, das sind die bekannten Ingredienzien eines Roadtrip, in den Wolf Haas seine österreichische Coming-of-Age-Geschichte münden lässt. Haas' große Stärke ist, dass er sich nie auf funktionierende, eingespielte Narrative verlässt, ohne, eine ebenso große Versuchung, zwanghaft originell sein zu wollen.

Zeiltlose menschliche Probleme im 70er-Panorama

"Junger Mann" ist ein berührender, melancholischkomischer Roman, dem man eine große Zärtlichkeit für seine Figuren anmerkt. Das Panorama der 70er steht nur scheinbar im Vordergrund: Hinter all den Nostalgieträgern, den Grenzbäumen, den Pickerln für den autofreien Tag und den Adriano-Celentano-Kassetten im Autoradio des Renault 5 lässt Haas subtil zeitlose menschliche Probleme durchschimmern, Krankheit, Sucht, Beziehungskonflikte.

Besuche beim alkoholkranken Vater in der Nervenheilanstalt werden nebenbei erzählt und sind doch zentral. Wie leichtfüßig und unterhaltsam Haas das macht, ist erstaunlich. Er braucht keine spektakulären Plotwenden, keine simplen Dichotomien, keine politischen Statements und ist trotzdem spannend, entschieden und engagiert und nichts kommt so, wie man vermutet. Obwohl etwas weniger schwarzhumorig, als man es von Haas gewohnt ist, werden Fans nicht enttäuscht sein. Die eingestreuten Hinweise, die eine autobiografische Lesart nahelegen, werden sie auch freuen, doch "Junger Mann" ist mit Sicherheit nicht nur für eingeschworene Fans lesenswert.

Junger Mann Roman von Wolf Haas Hoffmann und Campe 2018.240 S., geb., € 22,70

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