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1945 1960 1980 2000 2020
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Wie der Spanienkämpfer Rudi Friemel in Auschwitz heiraten durfte, bevor er aufgehängt wurde. Erich Hackl schrieb ein schmales, aber großes Buch.

Das neue Buch von Erich Hackl könnte jederzeit als Roman durchgehen. Die Suche nach den Spuren eines Toten, das Nebeneinanderstellen konträrer Aussagen, der kunstvolle Einbau von Dunkelheiten und Lücken sind als literarische Technik ebenso etabliert wie das Kompositionsprinzip der Collage. "Die Hochzeit von Auschwitz" schildert aber eine reale Begebenheit und das Leben von Menschen, die existierten.

Dabei entwickelt die Erzählung einen solchen Sog, dass man sich manchmal in Erinnerung rufen muss, eben keiner erfundenen Geschichte zu folgen. Rudolf Friemel hat gelebt, Margarita Ferrer hat gelebt, die Schuhschachtel, in der Friemels Vater Fotos und Dokumente verwahrte, existiert noch und zwei ältere Herren, Friemels Söhne aus zwei Ehen, fanden einander durch dieses Buch nach Jahrzehnten wieder. Wo Dunkelheiten bleiben, handelt es sich um keinen Kunstgriff, sondern war nicht mehr zu erfahren. Was aber die Hochzeit im Lager von Auschwitz betrifft: Einem Autor, der sie erfunden hätte, würde sie wohl von der Kritik als Ausgeburt einer kitschigen Fantasie um die Ohren geschlagen.

Rudi Friemel wurde 1907 in Wien geboren. Er könnte also, wäre er nicht am 30. Dezember 1944 auf dem Appellplatz des Männerlagers aufgehängt worden, noch leben. Er wäre dann entweder, wie so viele, nach 1945 in der KPÖ geblieben oder, ebenfalls wie viele, zu den Sozialdemokraten zurückgekehrt, denen er nach dem Spanischen Bürgerkrieg in Frankreich den Rücken gekehrt hatte. In diesem Falle wäre er heute wohl einer jener aussterbenden Alten, in deren Sektionslokale sich zu Wahlzeiten dann und wann ein Spitzenkandidat verirrt, mitunter sogar mit dem Fernsehen im Schlepptau, das die allfälligen Fragen nach den verratenen Idealen ausblendet.

Friemel hatte am 12. Februar 1934 als Schutzbundführer bei einem Feuergefecht in der Kudlichgasse einen Polizeibeamten erschossen. Er floh zunächst in die Tschechoslowakei. Im August 1934 ging er der Polizei in die Falle, kam aber mit einer Gefängnisstrafe davon. Treuherzig erzählt ein alter Favoritner Polizist: "Ich glaube, Friemel wurde nach der Urteilsverkündung in das Zuchthaus Stein eingeliefert, von dort nach Wöllersdorf überstellt. Was weiter mit ihm geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Ob er später mit den Nazis oder gegen sie ... Jud war er ja keiner. Ich persönlich bin mit den Nazis gut ausgekommen. Ich hab ja selbst mitgemacht."

Friemel ging nicht, wie viele Sozialdemokraten, zu den Nazis über, sondern nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil. In Spanien lernte er seine zweite Frau Margarita Ferrer kennen, die ihm nach der Niederlage der Republikaner nach Frankreich folgte, wo sie ein Kind bekam. Nach der Niederlage Frankreichs wurde er "repatriiert" - zuerst ins Wiener Polizeigefängnis, dann nach Auschwitz. Da die spanischen Behörden die in Spanien geschlossene Ehe nicht anerkannten, bemühte sich Friemel - als Häftling! - zwei Jahre lang um eine Heiratserlaubnis, die schließlich erteilt wurde.

Über die Motive dieser Erlaubnis lässt sich nur mutmaßen. Tatsache ist, dass Margarita Ferrer mit dem Kind nach Auschwitz reiste, wo vor einem Standesbeamten die Eheschließung erfolgte.

Das Schicksal der Familie Friemel ist eines unter Tausenden. Die Hochzeit ist die Erfindung, der es das Besondere verdankt. Das Romanhafte. Doch diese Handlung, die man keinem Autor abnehmen würde, hat das Leben erfunden. Erich Hackl war für die literarische Vermittlung der "Begebenheit" nicht nur durch seine Themen und die Qualität seiner Bücher qualifiziert, sondern auch durch sein Hispanistik-Studium und seine Lehrtätigkeit in Madrid. Aus Briefen und Erzählungen gewann er erstaunliche Einzelheiten über die Hochzeit von Auschwitz. Durch seine Sprachkenntnisse konnte er auch mit den Verwandten Margarita Ferrers sprechen. So entstand die Geschichte zweier typischer sozialistischer Familien - und ein großes Buch, trotz seiner kaum 180 Seiten.

Hackl lässt die Zeugen in einer Collage kürzerer und längerer Texte aus ihrem Blickwinkelerzählen: Rudi Friemels Söhne, Margarita Ferrers Schwester, Mitgefangene in Auschwitz und so fort. Der Preis der Methode ist an einigen Stellen die Klarheit. Nicht immer lässt sich jede Stimme problemlos zuordnen. Der Wirkung des Buches schaden diese gelegentlichen Verwirrungen aber nicht.

Rudi Friemel hätte als Funktionshäftling und Automechaniker Chancen gehabt, Auschwitz zu überleben. Er half, die Flucht mehrerer Gefangener vorzubereiten, die Verbindung mit den polnischen Partisanen aufnehmen sollten, um den befürchteten Massenmord vor der Befreiung zu verhindern. Der Plan flog auf. Da die Hochzeit propagandistisch verwertet worden war, wurden die Galgen für Friemel und vier Schicksalsgefährten mehrmals aufgestellt und wieder abgebaut, bis am Morgen des 30. Dezember 1944 der Befehl eintraf, das Urteil zu vollstrecken. Er trug das mit Rosen bestickte Hemd, das Mitgefangene für seine Hochzeit angefertigt hatten. Ein Augenzeuge glaubt, es sei Friemel gewesen, der gerufen hatte: "Nieder mit der braunen Mordpest, es lebe ...", ein anderer aber meint, nicht Ludwig Vesely, sondern Friemel sei der Mann gewesen, der gerufen hatte: "Heute wir, morgen ihr!"

Die Hochzeit von Auschwitz Eine Begebenheit. Von Erich Hackl.

Diogenes Verlag, Zürich 2002,

186 Seiten, Ln., e 17,40

Wie der Spanienkämpfer Rudi Friemel in Auschwitz heiraten durfte, bevor er aufgehängt wurde. Erich Hackl schrieb ein schmales, aber großes Buch.

Das neue Buch von Erich Hackl könnte jederzeit als Roman durchgehen. Die Suche nach den Spuren eines Toten, das Nebeneinanderstellen konträrer Aussagen, der kunstvolle Einbau von Dunkelheiten und Lücken sind als literarische Technik ebenso etabliert wie das Kompositionsprinzip der Collage. "Die Hochzeit von Auschwitz" schildert aber eine reale Begebenheit und das Leben von Menschen, die existierten.

Dabei entwickelt die Erzählung einen solchen Sog, dass man sich manchmal in Erinnerung rufen muss, eben keiner erfundenen Geschichte zu folgen. Rudolf Friemel hat gelebt, Margarita Ferrer hat gelebt, die Schuhschachtel, in der Friemels Vater Fotos und Dokumente verwahrte, existiert noch und zwei ältere Herren, Friemels Söhne aus zwei Ehen, fanden einander durch dieses Buch nach Jahrzehnten wieder. Wo Dunkelheiten bleiben, handelt es sich um keinen Kunstgriff, sondern war nicht mehr zu erfahren. Was aber die Hochzeit im Lager von Auschwitz betrifft: Einem Autor, der sie erfunden hätte, würde sie wohl von der Kritik als Ausgeburt einer kitschigen Fantasie um die Ohren geschlagen.

Rudi Friemel wurde 1907 in Wien geboren. Er könnte also, wäre er nicht am 30. Dezember 1944 auf dem Appellplatz des Männerlagers aufgehängt worden, noch leben. Er wäre dann entweder, wie so viele, nach 1945 in der KPÖ geblieben oder, ebenfalls wie viele, zu den Sozialdemokraten zurückgekehrt, denen er nach dem Spanischen Bürgerkrieg in Frankreich den Rücken gekehrt hatte. In diesem Falle wäre er heute wohl einer jener aussterbenden Alten, in deren Sektionslokale sich zu Wahlzeiten dann und wann ein Spitzenkandidat verirrt, mitunter sogar mit dem Fernsehen im Schlepptau, das die allfälligen Fragen nach den verratenen Idealen ausblendet.

Friemel hatte am 12. Februar 1934 als Schutzbundführer bei einem Feuergefecht in der Kudlichgasse einen Polizeibeamten erschossen. Er floh zunächst in die Tschechoslowakei. Im August 1934 ging er der Polizei in die Falle, kam aber mit einer Gefängnisstrafe davon. Treuherzig erzählt ein alter Favoritner Polizist: "Ich glaube, Friemel wurde nach der Urteilsverkündung in das Zuchthaus Stein eingeliefert, von dort nach Wöllersdorf überstellt. Was weiter mit ihm geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Ob er später mit den Nazis oder gegen sie ... Jud war er ja keiner. Ich persönlich bin mit den Nazis gut ausgekommen. Ich hab ja selbst mitgemacht."

Friemel ging nicht, wie viele Sozialdemokraten, zu den Nazis über, sondern nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil. In Spanien lernte er seine zweite Frau Margarita Ferrer kennen, die ihm nach der Niederlage der Republikaner nach Frankreich folgte, wo sie ein Kind bekam. Nach der Niederlage Frankreichs wurde er "repatriiert" - zuerst ins Wiener Polizeigefängnis, dann nach Auschwitz. Da die spanischen Behörden die in Spanien geschlossene Ehe nicht anerkannten, bemühte sich Friemel - als Häftling! - zwei Jahre lang um eine Heiratserlaubnis, die schließlich erteilt wurde.

Über die Motive dieser Erlaubnis lässt sich nur mutmaßen. Tatsache ist, dass Margarita Ferrer mit dem Kind nach Auschwitz reiste, wo vor einem Standesbeamten die Eheschließung erfolgte.

Das Schicksal der Familie Friemel ist eines unter Tausenden. Die Hochzeit ist die Erfindung, der es das Besondere verdankt. Das Romanhafte. Doch diese Handlung, die man keinem Autor abnehmen würde, hat das Leben erfunden. Erich Hackl war für die literarische Vermittlung der "Begebenheit" nicht nur durch seine Themen und die Qualität seiner Bücher qualifiziert, sondern auch durch sein Hispanistik-Studium und seine Lehrtätigkeit in Madrid. Aus Briefen und Erzählungen gewann er erstaunliche Einzelheiten über die Hochzeit von Auschwitz. Durch seine Sprachkenntnisse konnte er auch mit den Verwandten Margarita Ferrers sprechen. So entstand die Geschichte zweier typischer sozialistischer Familien - und ein großes Buch, trotz seiner kaum 180 Seiten.

Hackl lässt die Zeugen in einer Collage kürzerer und längerer Texte aus ihrem Blickwinkelerzählen: Rudi Friemels Söhne, Margarita Ferrers Schwester, Mitgefangene in Auschwitz und so fort. Der Preis der Methode ist an einigen Stellen die Klarheit. Nicht immer lässt sich jede Stimme problemlos zuordnen. Der Wirkung des Buches schaden diese gelegentlichen Verwirrungen aber nicht.

Rudi Friemel hätte als Funktionshäftling und Automechaniker Chancen gehabt, Auschwitz zu überleben. Er half, die Flucht mehrerer Gefangener vorzubereiten, die Verbindung mit den polnischen Partisanen aufnehmen sollten, um den befürchteten Massenmord vor der Befreiung zu verhindern. Der Plan flog auf. Da die Hochzeit propagandistisch verwertet worden war, wurden die Galgen für Friemel und vier Schicksalsgefährten mehrmals aufgestellt und wieder abgebaut, bis am Morgen des 30. Dezember 1944 der Befehl eintraf, das Urteil zu vollstrecken. Er trug das mit Rosen bestickte Hemd, das Mitgefangene für seine Hochzeit angefertigt hatten. Ein Augenzeuge glaubt, es sei Friemel gewesen, der gerufen hatte: "Nieder mit der braunen Mordpest, es lebe ...", ein anderer aber meint, nicht Ludwig Vesely, sondern Friemel sei der Mann gewesen, der gerufen hatte: "Heute wir, morgen ihr!"

Die Hochzeit von Auschwitz Eine Begebenheit. Von Erich Hackl.

Diogenes Verlag, Zürich 2002,

186 Seiten, Ln., e 17,40