Digital In Arbeit

Selfies auf der Überholspur

Alfred Jarry ahnte in seinem 1902 publizierten Roman "Der Supermann" das Tempo unserer Zeit voraus. Er, dessen Gesicht nicht durch Einzigartigkeit, sondern Belanglosigkeit beeindruckt, schafft die absurdesten Rekorde. So etwa beim Liebesakt oder bei einem Fahrradrennen, das er gegen eine Lokomotive gewinnt, um zuletzt umschlungen von den Eisenarmen einer Liebesmaschine zu sterben.

Unser Tempo hat sich tatsächlich beschleunigt. Es fegt über unsere Aufnahme-und Empfindungsfähigkeit hinweg, setzt neue Fakten. Seine Beschleuniger sind die Macher von Heute. Nur das Hier und Jetzt zählt. Was gestern geschaffen oder verbrochen wurde, wird angepasst oder gelöscht. Hinterfragen und genaue Recherche gehören der Vergangenheit an. Reichtum, Wohlstand und Macht sind die einzigen Lebensziele. Bescheidenheit ist eine Todsünde; Bluffen leichter zu erlernen als echtes Wissen. Der Mensch erfindet sich jede Sekunde neu, seine Empfindungen werden an die Mode angepasst. Das Slim-Fit-Gefühl ist ebenso verbreitet wie Mitleid in - und ohne Grenzen. Jeder betrachtet sich als seine eigene Welt, seinen einzigen Vertrauten und Gesprächspartner, am besten ungehemmt und laut in der U-Bahn. Selfie-Bewusstsein und grenzenloser Egoismus regieren uns. Politiker wittern ihre Chancen. Alles ist einfach, nichts kompliziert. Schluss mit den Zwischentönen, Widersprüchen, der Suche nach Argumenten. Bildung kann auch in leichten Dosen verabreicht werden, Kultur dient der Unterhaltung, Politik setzt leicht verständliches Phrasendreschen und simple Lösungen voraus. Visionen und Ideale gefährden die öffentliche Sicherheit ebenso wie Kritik und Fantasie. Wir haben in unserer Welt Ordnung, Glaube, Maß und Ziel gesprengt. Wir dürfen uns nicht wundern, dass Jugendliche, die in die Netze terroristischer Organisationen geraten sind, jetzt unsere Welt sprengen.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

FURCHE-Navigator Vorschau