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NEU AUFGELEGT

"In allen Prosatexten, die dem Roman Der Schritt hinüber nachfolgen, achtet Tumler deshalb mit der denkbar größten Sorgfalt darauf, nur mehr unsichere Erzähler zu Wort kommen zu lassen. Erzähler, die sich anstrengen, die Wahrheit herauszufinden, durch gnadenlose Nachprüfung und präzise Aufschreibung, dabei aber nie mehr daran denken, ihren Standpunkt zu verabsolutieren", stellt Johann Holzner in seinem Nachwort zu Tumlers 1964 erstmals erschienener Erzählung "Nachprüfung eines Abschieds" fest, die zum 100. Geburtstag Tumlers am 16. Januar bei Haymon neu aufgelegt wird. Einst Befürworter des "Anschlusses" und Anhänger des NS-Ideologie, schrieb sich Franz Tumler in den fünfziger und sechziger Jahren mit seinen literarischen Werken, beeinflusst von der Literatur von Henry James, James Joyce, William Faulkner, Samuel Beckett und Alain Robbe-Grillet, in die Moderne ein.

Nachprüfung eines Abschieds. Erzählung von Franz Tumler. Haymon 2012.117 S., geb., € 15,50

SCHÖN VERSTÖREND

"Du fängst an, 'paradox' zu verstehen: Du liegst auf dem Bett neben ihm, du betrachtest mit tiefgehendem Interesse sein Gesicht und hältst seine Hände, und doch bist du gleichzeitig zutiefst gelangweilt und würdest dir wünschen, anderswo zu sein und anderes zu tun." Im Prosatext "Was man alles durch das Baby erfährt" wird der Blick auf die Welt durch ein Baby verrückt. So erfährt man nun etwa "die Schwierigkeit eines Schattens". Auch die anderen Kurzprosastücke von Lydia Davies sind "Formen der Verstörung", verrücken den Blick: auf Sätze, auf Wahrnehmungen, auf Kommunikation. Der Rhythmus der kunstvollen Prosa geht in der Übersetzung leider oft verloren, es bleiben aber Bilder, die gewohnte Anschauungen fragwürdig machen.

Formen der Verstörung. Erzählungen von Lydia Davies. Aus dem Amerikan. von Klaus Hoffer. Droschl 2011.273 S., geb., € 22,70

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