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Feuilleton

Viertausend Jahre Alpingeschichte

1945 1960 1980 2000 2020
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Wer heute über die Alpen will, für den ist die größte Hürde der Stau am Brenner. Für Fußgänger sieht die Sache anders aus. Die Alpen wandernd zu überqueren, ist schweißtreibend, aber auch eine der schönsten Fernreisen, die man in Mitteleuropa unternehmen kann. Es gilt, auf steilen Wegen hohe Pässe zu erklimmen, der Witterung zu trotzen, und man lernt die Arbeit der alpinen Vereine schätzen, ihre markierten Steige und gastfreundlichen Hütten.

Aber wie war das vor fünftausend Jahren? Als Jäger wie "Ötzi", angetan mit Bärenfellschuhen und ledernen Leggings, durchs Hochgebirge streiften? Oder zur Zeit eines römischen Legionärs, der einen Zentner Marschgepäck über die Berge schleppte, um Karner, Räter und Alemannen zu bekriegen?

In die raue Alpenwelt der Antike entführt ein Büchlein des Historikers und Bergwanderers Ralf-Peter Märtin. In seiner wuchtigen Kürze hat es selbst etwas von einem Gewaltmarsch durch viertausend Jahre Alpingeschichte, von der Kupferzeit bis zur Völkerwanderung. Um diese Leistung richtig würdigen zu können, muss man wissen, dass Märtin das Buch dem Tod abgerungen hat. Er schrieb es in der Agonie einer tödlichen Krankheit, der er im Frühjahr 2016, wenige Tage nach Vollendung des Manuskripts erlag. Sein Freund Christoph Ransmayr hat ein berührendes Nachwort beigesteuert.

Alpen als Kriegsschauplatz

De mortuis nil nisi bene, sagt man. Dennoch sei bedauernd angemerkt, dass "Die Alpen in der Antike" den Fokus sehr stark auf die Kriege lenkt, die vor allem die Römer und ihre Feinde vor und in den Alpen führten. So erzählt Märtin, der sich mit einem Buch über die Varus-Schlacht einen Namen als begeisternder Vermittler antiker Kriegsgeschichte gemacht hat, noch einmal die Story von Hannibal und seinen Elefanten. Es ist eine Hommage an den genialen punischen Strategen, der von eigener Hand im Exil starb, nachdem er den Römern die größten Niederlagen ihrer Geschichte beigebracht hatte.

Zu bedauern ist dieser Fokus, weil so der Eindruck entsteht, dass die Alpen vor allem ein Kriegsschauplatz waren, und ihre nichtmilitärische (wenn auch keineswegs durchwegs friedliche) Erschließung ein wenig aus dem Blick gerät. Diese Aspekte beleuchtet Märtin in den ersten Kapiteln, über den Hochgebirgsjäger Ötzi und den bronze-und eisenzeitlichen Bergbau. Auch hier zeigt er noch einmal seine Meisterschaft als Geschichtserzähler, etwa wenn er mit wenigen Strichen die Vorteile von Eisengerät skizziert: "Die Scheren zur Schafschur schnitten besser, die Messer zur Bearbeitung säuberten intensiver. Kam es zum Streit, war die eiserne Waffe der bronzenen überlegen."

Am meisten bedauern wir jedoch, dass der Schnitter Märtins Arbeit vor der Zeit beendet hat. Wie gern hätten wir die Fortsetzung seiner alpinen Geschichte im Mittelalter gelesen!

Die Alpen in der Antike Von Ötzi bis zur Völkerwanderung Von Ralf-Peter Märtin S. Fischer 2017.208 S., geb., e 22,70

Wer heute über die Alpen will, für den ist die größte Hürde der Stau am Brenner. Für Fußgänger sieht die Sache anders aus. Die Alpen wandernd zu überqueren, ist schweißtreibend, aber auch eine der schönsten Fernreisen, die man in Mitteleuropa unternehmen kann. Es gilt, auf steilen Wegen hohe Pässe zu erklimmen, der Witterung zu trotzen, und man lernt die Arbeit der alpinen Vereine schätzen, ihre markierten Steige und gastfreundlichen Hütten.

Aber wie war das vor fünftausend Jahren? Als Jäger wie "Ötzi", angetan mit Bärenfellschuhen und ledernen Leggings, durchs Hochgebirge streiften? Oder zur Zeit eines römischen Legionärs, der einen Zentner Marschgepäck über die Berge schleppte, um Karner, Räter und Alemannen zu bekriegen?

In die raue Alpenwelt der Antike entführt ein Büchlein des Historikers und Bergwanderers Ralf-Peter Märtin. In seiner wuchtigen Kürze hat es selbst etwas von einem Gewaltmarsch durch viertausend Jahre Alpingeschichte, von der Kupferzeit bis zur Völkerwanderung. Um diese Leistung richtig würdigen zu können, muss man wissen, dass Märtin das Buch dem Tod abgerungen hat. Er schrieb es in der Agonie einer tödlichen Krankheit, der er im Frühjahr 2016, wenige Tage nach Vollendung des Manuskripts erlag. Sein Freund Christoph Ransmayr hat ein berührendes Nachwort beigesteuert.

Alpen als Kriegsschauplatz

De mortuis nil nisi bene, sagt man. Dennoch sei bedauernd angemerkt, dass "Die Alpen in der Antike" den Fokus sehr stark auf die Kriege lenkt, die vor allem die Römer und ihre Feinde vor und in den Alpen führten. So erzählt Märtin, der sich mit einem Buch über die Varus-Schlacht einen Namen als begeisternder Vermittler antiker Kriegsgeschichte gemacht hat, noch einmal die Story von Hannibal und seinen Elefanten. Es ist eine Hommage an den genialen punischen Strategen, der von eigener Hand im Exil starb, nachdem er den Römern die größten Niederlagen ihrer Geschichte beigebracht hatte.

Zu bedauern ist dieser Fokus, weil so der Eindruck entsteht, dass die Alpen vor allem ein Kriegsschauplatz waren, und ihre nichtmilitärische (wenn auch keineswegs durchwegs friedliche) Erschließung ein wenig aus dem Blick gerät. Diese Aspekte beleuchtet Märtin in den ersten Kapiteln, über den Hochgebirgsjäger Ötzi und den bronze-und eisenzeitlichen Bergbau. Auch hier zeigt er noch einmal seine Meisterschaft als Geschichtserzähler, etwa wenn er mit wenigen Strichen die Vorteile von Eisengerät skizziert: "Die Scheren zur Schafschur schnitten besser, die Messer zur Bearbeitung säuberten intensiver. Kam es zum Streit, war die eiserne Waffe der bronzenen überlegen."

Am meisten bedauern wir jedoch, dass der Schnitter Märtins Arbeit vor der Zeit beendet hat. Wie gern hätten wir die Fortsetzung seiner alpinen Geschichte im Mittelalter gelesen!

Die Alpen in der Antike Von Ötzi bis zur Völkerwanderung Von Ralf-Peter Märtin S. Fischer 2017.208 S., geb., e 22,70