Vom Verrat an unserer Sprache

Wir Österreicher sind ein bisserl anders. Wir unterscheiden uns von unseren deutschen Freunden, die alles gerade heraus und direkt sagen. Wir räsonieren inwendig, vermeiden Ehrlichkeit um jeden Preis und unterspielen gerne mit Schmäh und Freundlichkeit. Die gemeinsame Sprache ist, wie das Hans Weigel so treffend formulierte, eine Barriere. Wir sind weicher, lyrischer, und in unserer Verhaltenheit verbirgt sich ein beachtliches Wutpotential. Es brodelt in uns, aber Explosionen sind eher die Ausnahme. Im besten Fall ergibt sich aus dieser Mischung künstlerisches Potential. Wir achten und mögen unsere deutschen Freunde, auch wenn wir ihnen bisweilen zeigen, dass sie uns in ihrer Offenheit und Eindeutigkeit nerven.

Schlimm wird es erst, wenn wir uns ihnen mit übertriebener Unterwürfigkeit anpassen. Diese für uns so charakteristische Fähigkeit steigern wir zu schwindelerregender Perfektion. Wehe, wenn das Chamäleon in uns losgelassen ist. Die heimischen Theater eifern dem Stil drittklassiger Fernsehserien nach und übertreffen einander im Verrat unserer sprachlichen Identität. Nestroy wurde soeben vom Ensemble der Burg mit Punk und Trash gemeuchelt.

Neuester Tatort ist das Theater in der Josefstadt, in dem ein vorzügliches Ensemble das amerikanische Stück "Speed“ im Slang deutscher Filmsynchronsprecher spielt. Sprache ist ein wesentlicher Teil unserer Identität. Weigern wir uns doch, uns in Josefstädter Manier "ins Knie zu ficken“. Es dürfte ohnehin ziemlich mühsam sein. Jene paar Zuschauer, die das Theater bereits in der Pause verlassen hatten, waren keine alten, schockierten Abonnenten, wie das der eine oder andere Kritiker unterstellte, sondern vorwiegend junge Leute. Mit deutscher Anpassung lässt sich nicht provozieren. Die zeigt nur, wie wenig selbstbewusst wir sind.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV ll

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