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Feuilleton

Waffenschmied und MUSKELBERG

1945 1960 1980 2000 2020

"Foxcatcher": Bennett Miller, der 2005 mit "Capote" Furore gemacht hat, spannt nun Steve Carrel und Channing Tatum kongenial zusammen.

1945 1960 1980 2000 2020

"Foxcatcher": Bennett Miller, der 2005 mit "Capote" Furore gemacht hat, spannt nun Steve Carrel und Channing Tatum kongenial zusammen.

Früh in "Foxcatcher", dem neuen Film des US-amerikanischen Regisseurs Bennett Miller, drückt der exzentrische und extrem wohlhabende John du Pont (Steve Carell), Erbe einer amerikanischen Waffendynastie und Sammler teurer militärischer Gerätschaften, seine Frustration aus: Junge Männer, die ihrem Land in Übersee gedient haben, würden vom eigenen Land nicht genügend gewürdigt, findet er. Unmittelbarer Gegenstand (und das bald ganz wörtlich) seiner Klage ist der junge Wrestler Mark Schultz (Channing Tatum), den er auf seine palastartige Pferderanch eingeladen hat, um ihm ein Angebot zu unterbreiten, das der orientierungslose Amateursportler nicht ablehnen wird. Dass Schultz kein Soldat ist, tut du Ponts Gefühl für reaktionären Patriotismus keinen Abbruch.

Ein Fall von reaktionärem Patriotismus

Kurz zuvor hatte man Schultz gesehen, wie er vor einer Schulklasse stand, um über Erfolg zu referieren. Seinen auftrainierten, muskulösen Oberkörper in ein weißes Hemd wie in ein Korsett geschnürt und insgesamt wie ein gutmütiger Riese ohne Reich, garniert mit den rot-weiß-blauen Insignien, die er sich auch Jahre nach seinem bisher einzigen nennenswerten Erfolg (einer Medaille bei der Olympiade 1984 in Los Angeles) noch an den Körper heftet, wie ein vergessener Soldat gespickt mit Leuchtraketen.

Sein Treffen mit du Pont, der mit seiner Hilfe ein Wrestlingteam aufbauen will, dem die Nation zu Füßen liegen soll, ist der Katalysator für diesen auf wahren Begebenheiten basierenden Film. Vor allem aber ist es sogleich die perfekte Veranschaulichung der Disparität zwischen physischer und ökonomischer Kraft und wie doch alles Geld der Welt jeden Schwächling zum Titan machen kann.

Bereits Millers "Capote" hatte ihn 2005 als vielversprechenden Regisseur eingeführt und "Foxcatcher" kann als spirituelles Sequel gesehen werden: Ein wahrer Thriller über die aufgeladene Kollision zwischen zwei sehr verschiedenen Arten von Männlichkeit. Du Pont, schmallippig und verklemmt, wirkt zudem wie ein seltsamer Hybrid zwischen Philip Seymour Hoffmans Capote und der Figur Billy Beane, die Brad Pitt in Millers Baseball-Drama "Moneyball"(2011) spielte.

Carrell muss du Pont mit einer aufgeklebten, krummen Nase geben und auch, wenn das in seiner Ernsthaftigkeit zusätzlich angestrengt wirkt, entspricht du Ponts Äußeres seiner schiefen inneren Haltung, die auch das Ergebnis einer herablassenden Mutter (Vanessa Redgrave) ist. Selbst viel zu schmächtig, um Wrestler zu sein, inszeniert sich du Pont als manipulativer und megalomanischer Fädenzieher hinter den Kulissen, er lässt Schultz kämpfen, um die Anerkennung zu erringen, die ihm versagt bleibt.

Tatum ist exzellent als Muskelberg, der den Erwartungen seines Patrons nicht standhalten kann; aber übertroffen wird er von Mark Ruffalo als Marks älterem Bruder David, selbst einst erfolgreicher Wrestler, der Mark trainiert und ungleich mehr mentale Stärke besitzt. Als David verwandelt sich Ruffalo hier in einen zu hundert Prozent geerdeten, kraftvollen Mann, dessen Selbstvertrauen in seine eigenen Fähigkeiten, aber auch in seine eigene Loyalität so entspannt und bescheiden ist, dass du Pont ihn wenig überraschend auf den ersten Blick hasst.

Die mehrfache Kraft eines Films

Es ist denn auch eine Szene zwischen Tatum und Ruffalo, welche die über weite Strecken inszenatorisch feinfühlige und zurückgenommene Brillanz dieses Films mit seiner darstellerischen Wucht verschmelzen lässt: Wenn David seinen Bruder in einer leeren, halbdunklen Turnhalle einmal durch eine Reihe von Aufwärmübungen führt, die vollen Körperkontakt mit einer Schritt-Choreographie kombinieren, geht die mehrfache Kraft dieses Bildes weit über Sichtbares hinaus und ist gleichzeitig der einzige Moment, in dem Miller wirklich subtil und ohne überdeutliche Symbolik agiert.

Nach dem Preis für Beste Regie in Cannes, ist "Foxcatcher" nun für fünf Oscars nominiert. Dennoch ist Miller kein Regisseur mit einem Arsenal an visuellen Strategien. Er vertraut auf viel Grau, schwach beleuchtete Innenräume und sehr flüssige, aber trotzdem konventionelle Schnitte. Hier jedoch unterstützt dies eine Form mehrfacher In-Ketten-Legung, sei es du Ponts Gefangenschaft im Minderwertigkeitskomplex, Marks finanzielle Abhängigkeit auf dem freien Markt oder schließlich auch Davids Bestechlichkeit. Permanent ist in diesem Film eine unsichtbare Wut spürbar - und tiefe Trauer - über so viel Willen, der so nachhaltig gebrochen werden kann. Wie eine Serie von Implosionen zeichnet Miller auch nach, wie zwei archetypisch amerikanische Dynastien in Kontakt miteinander kollabieren. Bis sich im dramatischen Ende eine wie ein Golem wieder erhebt.

Foxcatcher

USA 2014. Regie: Bennett Miller. Mit Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo, Vanessa Redgrave. Polyfilm. 129 Min.

Früh in "Foxcatcher", dem neuen Film des US-amerikanischen Regisseurs Bennett Miller, drückt der exzentrische und extrem wohlhabende John du Pont (Steve Carell), Erbe einer amerikanischen Waffendynastie und Sammler teurer militärischer Gerätschaften, seine Frustration aus: Junge Männer, die ihrem Land in Übersee gedient haben, würden vom eigenen Land nicht genügend gewürdigt, findet er. Unmittelbarer Gegenstand (und das bald ganz wörtlich) seiner Klage ist der junge Wrestler Mark Schultz (Channing Tatum), den er auf seine palastartige Pferderanch eingeladen hat, um ihm ein Angebot zu unterbreiten, das der orientierungslose Amateursportler nicht ablehnen wird. Dass Schultz kein Soldat ist, tut du Ponts Gefühl für reaktionären Patriotismus keinen Abbruch.

Ein Fall von reaktionärem Patriotismus

Kurz zuvor hatte man Schultz gesehen, wie er vor einer Schulklasse stand, um über Erfolg zu referieren. Seinen auftrainierten, muskulösen Oberkörper in ein weißes Hemd wie in ein Korsett geschnürt und insgesamt wie ein gutmütiger Riese ohne Reich, garniert mit den rot-weiß-blauen Insignien, die er sich auch Jahre nach seinem bisher einzigen nennenswerten Erfolg (einer Medaille bei der Olympiade 1984 in Los Angeles) noch an den Körper heftet, wie ein vergessener Soldat gespickt mit Leuchtraketen.

Sein Treffen mit du Pont, der mit seiner Hilfe ein Wrestlingteam aufbauen will, dem die Nation zu Füßen liegen soll, ist der Katalysator für diesen auf wahren Begebenheiten basierenden Film. Vor allem aber ist es sogleich die perfekte Veranschaulichung der Disparität zwischen physischer und ökonomischer Kraft und wie doch alles Geld der Welt jeden Schwächling zum Titan machen kann.

Bereits Millers "Capote" hatte ihn 2005 als vielversprechenden Regisseur eingeführt und "Foxcatcher" kann als spirituelles Sequel gesehen werden: Ein wahrer Thriller über die aufgeladene Kollision zwischen zwei sehr verschiedenen Arten von Männlichkeit. Du Pont, schmallippig und verklemmt, wirkt zudem wie ein seltsamer Hybrid zwischen Philip Seymour Hoffmans Capote und der Figur Billy Beane, die Brad Pitt in Millers Baseball-Drama "Moneyball"(2011) spielte.

Carrell muss du Pont mit einer aufgeklebten, krummen Nase geben und auch, wenn das in seiner Ernsthaftigkeit zusätzlich angestrengt wirkt, entspricht du Ponts Äußeres seiner schiefen inneren Haltung, die auch das Ergebnis einer herablassenden Mutter (Vanessa Redgrave) ist. Selbst viel zu schmächtig, um Wrestler zu sein, inszeniert sich du Pont als manipulativer und megalomanischer Fädenzieher hinter den Kulissen, er lässt Schultz kämpfen, um die Anerkennung zu erringen, die ihm versagt bleibt.

Tatum ist exzellent als Muskelberg, der den Erwartungen seines Patrons nicht standhalten kann; aber übertroffen wird er von Mark Ruffalo als Marks älterem Bruder David, selbst einst erfolgreicher Wrestler, der Mark trainiert und ungleich mehr mentale Stärke besitzt. Als David verwandelt sich Ruffalo hier in einen zu hundert Prozent geerdeten, kraftvollen Mann, dessen Selbstvertrauen in seine eigenen Fähigkeiten, aber auch in seine eigene Loyalität so entspannt und bescheiden ist, dass du Pont ihn wenig überraschend auf den ersten Blick hasst.

Die mehrfache Kraft eines Films

Es ist denn auch eine Szene zwischen Tatum und Ruffalo, welche die über weite Strecken inszenatorisch feinfühlige und zurückgenommene Brillanz dieses Films mit seiner darstellerischen Wucht verschmelzen lässt: Wenn David seinen Bruder in einer leeren, halbdunklen Turnhalle einmal durch eine Reihe von Aufwärmübungen führt, die vollen Körperkontakt mit einer Schritt-Choreographie kombinieren, geht die mehrfache Kraft dieses Bildes weit über Sichtbares hinaus und ist gleichzeitig der einzige Moment, in dem Miller wirklich subtil und ohne überdeutliche Symbolik agiert.

Nach dem Preis für Beste Regie in Cannes, ist "Foxcatcher" nun für fünf Oscars nominiert. Dennoch ist Miller kein Regisseur mit einem Arsenal an visuellen Strategien. Er vertraut auf viel Grau, schwach beleuchtete Innenräume und sehr flüssige, aber trotzdem konventionelle Schnitte. Hier jedoch unterstützt dies eine Form mehrfacher In-Ketten-Legung, sei es du Ponts Gefangenschaft im Minderwertigkeitskomplex, Marks finanzielle Abhängigkeit auf dem freien Markt oder schließlich auch Davids Bestechlichkeit. Permanent ist in diesem Film eine unsichtbare Wut spürbar - und tiefe Trauer - über so viel Willen, der so nachhaltig gebrochen werden kann. Wie eine Serie von Implosionen zeichnet Miller auch nach, wie zwei archetypisch amerikanische Dynastien in Kontakt miteinander kollabieren. Bis sich im dramatischen Ende eine wie ein Golem wieder erhebt.

Foxcatcher

USA 2014. Regie: Bennett Miller. Mit Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo, Vanessa Redgrave. Polyfilm. 129 Min.