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Weihnachtsmärchen ohne Pathos

In „Un conte de Noël“ findet Regisseur Arnaud Desplechin mit Starbesetzung zu fantastischer Form der Anarchie.

Es ist keine gewöhnliche weihnachtliche Zusammenkunft: Diesmal geht es – inmitten des Festzaubers – um Leben und Tod. Abel (Jean-Paul Roussillon) und Junon (Cathérine Deneuve) sind seit über vierzig Jahren verheiratet. Ihr Sohn Joseph erkrankte einst unheilbar an Knochenmarkkrebs. Die Eltern zeugten ein weiteres Kind, um Joseph mit einer Knochenmarkspende zu retten. Das war die Daseinsberechtigung für Henri (Mathieu Amalric), der den Tod Josephs aber letztlich doch nicht verhindern konnte. Um Trost zu haben, wird ein weiteres Kind geboren, der Nachzügler Ivan (Melvil Poupaud).

All diese Vorfälle aus der Vergangenheit kommen jetzt wieder ins Bewusstsein der Protagonisten in Arnaud Desplechins Drama „Un conte de Noël“ und kumulieren unter dem Weihnachtsbaum. Denn jetzt ist Mutter Junon plötzlich von derselben seltenen Krankheit befallen und die Familie kommt zum Weihnachtsfest zusammen, um ihrer Mutter mit einer Knochenmarkspende das Leben zu retten.

Schwergewichte des Kinos

Ein Weihnachtsmärchen vor düsterem Hintergrund, getragen von einer wahrlich hochkarätigen Besetzung. Regisseur Desplechin verpflichtete viele Schwergewichte des französischen Kinos für seinen Film – die Gefahr erscheint groß, dass sich diese starken Leinwand-Egos gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, damit den Film aus seinen dramatischen Angeln heben und lächerlich erscheinen lassen.

Doch Desplechin hat seine Besetzung fest im Griff, lässt seinen Stars den nötigen Raum zum Glanz, ohne ihre Egos durchkommen zu lassen. „Un conte de Noël“ ist zudem ein wuchtiges Rührstück, in dem es um familiäre Erbkrankheiten und deren auch psychische Auswirkungen auf die Familienmitglieder geht. Dennoch findet Desplechin den richtigen Abstand und auch die passende kesse Frechheit, das Thema unkitschig und ohne den Anhauch einer Fernseh-Seifenoper zu inszenieren. Die großen, emotionalen Szenen – wenn etwa Mutter Junon und ihr Sohn Henri, die füreinander nie viel empfunden haben, aufeinander zugehen – all das bleibt ohne Pathos, wirkt zugleich aber höchst poetisch.

Außerdem herrscht in Desplechins Film eine fantastische Form der Anarchie: Seine chaotische Anordnung beinahe koboldhafter Figuren, seine jazz-artig arrangierten Stile – vom Schattentheater über Fotocollagen bis hin zum Blick durchs Schlüsselloch – seine bombastische Musikauswahl: All das ist einem Märchen geschuldet, das in sich herzlicher, stimmiger und hintergründiger nicht sein könnte.

Un conte de Noël

F 2008. Regie: Arnaud Desplechin. Mit Cathérine Deneuve, Jean-Paul Roussillon, Mathieu Amalric, Anne Consigny.

Verleih: Filmladen. 150 Min.

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