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Wie man in Wien geliebt wird

Ich habe nichts gelesen“, kommentierte der neue Burgchef Matthias Hartmann die Kritiken über seinen Start. Eigentlich schade, denn jetzt weiß der selbstbewusste Theatermann gar nicht, wie sehr er in Wien in kürzester Zeit zu „everybody’s darling“ reüssierte. Oder schummelt er und hat ganz heimlich, in einem versteckten Extrazimmer eines Kaffeehauses, doch ein ganz klein wenig herumgeblättert in den Journalen. Vielleicht aber hat ihm seine nächste Umgebung das eine oder andere Lob zugetragen. Er hat zwar demonstrativ weggehört, aber eben nur so halb, und so hat sich die eine oder andere Schmeichelei in die direktorialen Gehörgänge verirrt.

Woher kommt diese zärtliche Liebe der sonst so hinterhältigen und keineswegs immer einem Deutschen gegenüber freundlich gesinnten Wiener zu dem Mann? Verhielt er sich doch zuletzt in Zürich keineswegs diplomatisch. Wien ist eben anders. Hartmann hatte gleich zu Beginn kundgetan, dass er sich nicht schubladisieren lasse, weder politisch noch künstlerisch. Claus Peymann ließ einst die Österreicher gleich bei seinem Einstand wissen, dass sie konservativ, katholisch und nationalsozialistisch seien. Damit wurde er zum Piefke erklärt und blieb bis zuletzt ein umstrittener, fanatisch gehasster und geliebter Außenseiter.

Hartmann will der Welt keinen Hax’n ausreißen, verkündet keine großen Konzepte, sondern will einfach Theater machen. Das kommt österreichischer Wesensart durchaus entgegen. Vor allem aber wird der Deutsche Hartmann vom deutschen Feuilleton gnadenlos verrissen. Ob zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt. Wenn sich aber das Ausland in vermeintlich innerösterreichische Angelegenheiten einmischt, setzt nationaler Kampfgeist ein. Das hat nicht nur bei den Sanktionen gegen Schüssel, Haider & Co. funktioniert. Da wird sogar ein Deutscher eingemeindet, wenn er vom Ausland kritisiert wird. Die Deutschen können für eine Sache brennen. Wir können das auch, wenn das Dafür ein Dagegen beinhaltet.

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