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Wien darf nicht Innsbruck werden

Eine Uraufführung eines Musicals im kleinen Innsbruck wird im großen Wien kaum wahrgenommen. Das ist keine Frage der Qualität sondern der Haltung. Man gibt sich weltstädtisch, und die auflagenstärksten Zeitungen berichten lieber über Events vor der Haustür, auch wenn die mitunter gar nicht so berichtenswert sind. Wer braucht schon ein neues Musical aus Tirol?

Schließlich feiert man sich doch selbst als Metropole dieses Genres und betreibt zwei hoch subventionierte Musicaltheater. Dorthin werden die sogenannten Provinzler in Autobussen in die Musicalhits gekarrt, um ein bisserl Großstadtluft schnuppern zu dürfen. Da wird vor den jeweiligen Ereignissen in allen zur Verfügung stehenden Medien die Propagandatrommel gerührt. Da kommt zu den Premieren samt Feiern und Buffets die immer gleichbleibende Schar. Die mit quotenschwachem Chili gedopten, von Seitenblicken beäugten, von Gier und Geltungssucht befallenen Promis, die über jede ihrer vermeintlichen Pointen vor laufender Kamera in künstliches Gelächter ausbrechen. Da werden die Erfolge als Weltereignis gefeiert, auch wenn sie keines sind. Ob „Rebecca“ oder „Rudolf“ – mehr als brav und verzichtbar waren die se Werke nicht. Neuerdings setzt man auf Nostalgie, karrt die Vampire des Altmeisters Polanski aus ihren Särgen hervor und importiert das erfolgreiche Hamburger Udo-Jürgens-Musical nach Wien, um die Bilanz aufzubessern. Wen interessiert da schon Graz und Klagenfurt, wo ebenso professionell Musical gespielt wird, wenn auch mit viel weniger Aufwand?

Und dann erst Innsbruck, wo man sogar eine Uraufführung gewagt hat. Brigitte Fassbaender – langjährige Intendantin und einstiger Opernstar – hat dort selbst nach Wedekinds „Lulu“ ein Musical geschrieben und mit gro ßem Erfolg uraufgeführt. Ein spannendes Werk mit effektvoller Musik von Stephan Kanyar, professionell inszeniert, vorzüglich gespielt, getanzt und gesungen. Wien darf nicht Innsbruck werden. Denn dort müssen mitunter Ideen und Fantasie Aufwand und Technik ersetzen. Dort wird das Geld, das man nicht hat, auch nicht ausgegeben. Dort wird bescheiden gutes Theater gemacht.

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