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"Eltern und Umfeld haben total versagt"

Irene Dyk-Ploss, Professorin am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Johannes-Kepler-Universität Linz, über Demokratie-Kurse für junge Rechtsradikale.

Die Furche: Frau Professor Dyk-Ploss, Sie haben im Projekt "Geschichte und Demokratie" von 2001 bis 2003 mit jugendlichen Rechtsradikalen gearbeitet. Was hat diese jungen Leute dazu getrieben, sich dieser Ideologie zu verschreiben?

Irene Dyk-Ploss: Von den insgesamt 65 Jugendlichen war ein Viertel eindeutig familiär beeinflusst. Ein weiteres Viertel waren reine Mitläufer, die mehr oder weniger zufällig in die Szene gestoßen sind. Beim Rest - also immerhin der Hälfte - war es auf der einen Seite ein Suchen nach Zugehörigkeit und auf der anderen Seite der herrschende Gruppendruck. Dieses Mitmachen-Müssen hat also eine beträchtliche Rolle gespielt. Am Ende war die Liste der Paragrafen, gegen die unsere Burschen - und es waren bis auf zwei Mädchen nur Burschen - verstoßen haben, so lang wie mein Arm: von Wiederbetätigung über Bandenbildung bis hin zu Körperverletzungen aller Art.

Die Furche: Können Sie ein Beispiel für eine solche "Karriere" nennen?

Dyk-Ploss: Da ist etwa ein junger Bursch, der eine Koch-Kellner-Lehre absolviert hat und eine Arbeitsstelle in einem renommierten Hotel in Linz bekommt. Dort kennt er aber niemanden und ist völlig isoliert. Plötzlich wird er in der Straßenbahn von einem Typen angeredet:, Wir gehen jetzt saufen. Gehst mit?' Und ein Bursch, der vorher überhaupt keine dahingehenden Interessen hat, läuft einfach mit, damit er abends nicht allein ist, rutscht dann in die Szene hinein, liest sich ein Halbwissen an, beginnt das zu genießen - und als die ersten Straftaten passieren, merkt er:, Hoppla, irgend etwas stimmt hier nicht!' Als er versucht, sich hinauszuziehen, lassen sie ihn aber nicht. Er bleibt drinnen - bis zum Moment der Verhaftung.

Die Furche: Von ehemaligen Sektenmitgliedern wird erzählt, dass es eines Korrektivs von außen bedarf, um aussteigen zu können. Welche Korrektive gab es bei Ihren Klienten?

Dyk-Ploss: Das Korrektiv war eigentlich für alle die Festnahme, die war ein riesiger Schock. Die Eltern und das sonstige soziale Umfeld haben hingegen meist total versagt: durch komplettes Wegschauen oder Ignorieren oder permanentes Streiten. Wir hatten den Fall eines Universitätsprofessors, der zu seinem Sohn ständig nur gesagt hat: Du Depp, du blöder! Oder wir hatten Mütter, die einen verzweifelten Kleinkrieg geführt haben, indem sie ihren Söhnen immer die weißen Schuhbänder in den Springerstiefeln abgeschnitten haben, die ja in der Szene ein eindeutiges Signal sind. Der Effekt war, dass die Burschen in jedem Hosensack ein Paar weiße Ersatzschuhbänder hatte.

Die Furche: Kann man insgesamt sagen, dass Außenseiter - wie auch im Film "Die Welle" - besonders gefährdet sind, von solchen Gruppendynamiken erfasst zu werden?

Dyk-Ploss: Ich würde zumindest sagen, dass ein Außenseiter, der in eine Gruppe hineinkommt, ganz besondere Profilierungsbedürfnisse hat. Das Dazugehören-Wollen wandelt sich dann in ein Auch-einmal-etwas-werden-Wollen. Das haben wir bei unseren Burschen stark gemerkt. Diese gemeinsame Ideologie, die bei vielen eher Ausländerhass und erst in zweiter Linie NS-Gedankengut gewesen ist, hat sich dann darin manifestiert, dass man das Gefühl hatte, als Österreicher etwas Besonderes zu sein. Wir haben hart daran gearbeitet, um ihnen zu zeigen, dass das kein besonderes Verdienst ist.

Die Furche: Wie sind Sie genau vorgegangen?

Dyk-Ploss: Wir haben mit einem "Tandem-Modell" gearbeitet und jedem Jugendlichen einen Studenten oder eine Studentin zur Seite gestellt. Die "Tandems" sollten ja halbwegs gleichaltrig sein und einen entsprechenden Background an historischem und politischem Wissen haben. Und dann haben wir an vier bzw. fünf langen Abenden alles möglich unternommen: Wir haben eine Exkursion zur Gedenkstätte Schloss Hartheim veranstaltet, Filme angesehen, Richter, Staatsanwälte und Bewährungshelfer eingeladen und mit Politikern diskutiert. Die 15 Probanden, die schon verurteilt waren, konnten mit diesem Kurs eine unbedingte Strafe in eine bedingte umwandeln, die anderen kamen im Rahmen der Diversion.

Die Furche: Konnten Sie feststellen, ob die Kurse tatsächlich die Einstellungen der Klienten verändert haben?

Dyk-Ploss: Ich möchte den Herrschaften in diesem Semester nachspüren und das Projekt wissenschaftlich aufarbeiten. Unseres Wissens nach ist bisher niemand einschlägig rückfällig geworden. Was aber nicht zwingend heißt, dass wir so toll waren. Natürlich sind die Burschen auch älter und gescheiter geworden und haben mittlerweile Familie. Ein paar davon sind wahrscheinlich auch schlauer geworden und lassen sich einfach nicht mehr erwischen.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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