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Gesellschaft

Liebessehnsucht Einer Aussortierten

1945 1960 1980 2000 2020

THOMAS JONIGKS ROMAN ERZÄHLT POSTMODERN EXISTENZIELLE KRISEN.

1945 1960 1980 2000 2020

THOMAS JONIGKS ROMAN ERZÄHLT POSTMODERN EXISTENZIELLE KRISEN.

Gestandene Intellektuelle fürchten oft nichts mehr, als ihren Status als gestandene Intellektuelle zu verlieren, und so scheuen sie, wenn sie sich daranmachen, Romane zu schreiben, oft keinen Aufwand, eindeutigen Lesarten vorzubeugen und ihre Texte mit allerlei Verrätselungen aufzuladen. Der vor allem als Theaterautor, Regisseur und Dramaturg bekannt gewordene Thomas Jonigk hat dafür mit seinem dritten Roman "Melodram" ein Musterbeispiel geliefert. Schon der selbstreflexive Titel zeigt an, dass es keinesfalls um eine eindimensionale, womöglich simpel melodramatische Geschichte gehen soll. Nein, was die Protagonistin -die 65-jährige Schauspielerin Karin Hoffmann - an Leidvollem erfährt, wird vielfältig gebrochen, durch Reflexionen, Träume und Handlungssprünge, die keine Eindeutigkeit über das reale Geschehen herstellen.

Verdacht und Betrug

So viel immerhin lässt sich sagen: Karin ist seit bald vierzig Jahren mit dem nicht sehr erfolgreichen, dafür umso ambitionierten Filmemacher Wolfgang verheiratet. Beide haben eine Tochter, Karla, die ihr Glück ebenfalls als Schauspielerin versucht. Karins ohnehin von Selbstzweifeln geprägtes Wiener Leben gerät vollends in Unordnung, als sie anonyme Briefe eines Mannes erhält, der minutiös festhält, wie Karin ihren Tag verbringt. Schnell folgert diese, dass Wolfgang der Verfasser dieser Einschüchterungspost ist -ohne dass sich der Leser freilich ganz sicher sein darf, dass der Verdacht stimmt. Als Karin entdeckt, dass Wolfgang sie jahrelang mit seiner Produzentin Fiona betrogen hat, spitzen sich die -stets in einem vagen Nebel gehaltenen -Ereignisse zu: Karin droht mit Scheidung; Wolfgang kommt bei einem Autounfall ums Leben, von Selbstmord ist die Rede, und Karin wiederum lässt sich auf den bald dreißig Jahre jüngeren Hans ein, der gerne in Kierkegaard-und Cioran-Zitaten spricht, auf gepackten Koffern in seiner Eigentumswohnung sitzt und in sexueller Hinsicht ein blutiger Laie ist. Ein gutes Ende nimmt auch diese Episode nicht, doch das dürfte ohnehin keiner von Jonigks Lesern erwartet haben.

"Melodram" erzählt vor allem von der "Liebessehnsucht einer Aussortierten". Karin, die sich von ihrem egozentrischen Mann jahrelang ausgebeutet fühlte, leidet darunter, sowohl im Beruf als auch im Privaten an die Seite geschoben zu werden. Von diesen existenziellen Krisen erzählt Thomas Jonigk in einem Gestus, der aus Karin phasenweise eine Thesenträgerin macht. Bleierne Sätze wie "Karin fragt sich, ob Hansens Frage nach dem um sie zu legenden Arm gleichbedeutend mit der Forderung nach Sexualität ist" sorgen dabei nicht für Abhilfe. Von Anfang baut der Roman, der mitunter unmotiviert die Perspektive wechselt und dann die Sicht des Ehegatten wiederzugeben sucht, eine zweite Ebene ein, die das "melodramatische" Moment zu brechen hat. Denn Wolfgang arbeitet seit Längerem an einem "Melodram" betitelten Film, dessen Hauptrolle seiner Frau Karin weggenommen wird. Als Produzentin Fiona versucht, Journalisten den Film schmackhaft zu machen, fallen Äußerungen, die sich wie Thomas Jonikgs poetologisches Programm lesen: "Dann erläutert sie, dass 'Melodram' dem Betrachter bzw. der Betrachterin das Erleben des Melodramatischen zwar verweigert, dass dies aber zugunsten einer Beschreibung genau dieses Erlebens geschehe."

Verweigerungshaltung

Fionas Gesprächspartnerin lässt sich davon nicht überzeugen und gewinnt dem Film nichts ab. Fast mag man das als Ironie verstehen -ganz so, als ob Thomas Jonigk beabsichtigt habe, unerfreuliche Reaktionen auf seinen von der einen oder anderen Verweigerungshaltung getragenen Roman vorwegzunehmen. Man merkt die Absicht und ist zumindest ein wenig verstimmt. "Melodram" ist ein klug gebauter Roman, der einem "banalen, verbreiteten Frauenschicksal" mit allen Mitteln gemäßigt postmoderner Erzählverfahren seine Banalität austreiben will. Manchmal gelingt ihm das auch.

Melodram Roman von Thomas Jonigk Droschl 2013 196 S., geb., € 19,60

Gestandene Intellektuelle fürchten oft nichts mehr, als ihren Status als gestandene Intellektuelle zu verlieren, und so scheuen sie, wenn sie sich daranmachen, Romane zu schreiben, oft keinen Aufwand, eindeutigen Lesarten vorzubeugen und ihre Texte mit allerlei Verrätselungen aufzuladen. Der vor allem als Theaterautor, Regisseur und Dramaturg bekannt gewordene Thomas Jonigk hat dafür mit seinem dritten Roman "Melodram" ein Musterbeispiel geliefert. Schon der selbstreflexive Titel zeigt an, dass es keinesfalls um eine eindimensionale, womöglich simpel melodramatische Geschichte gehen soll. Nein, was die Protagonistin -die 65-jährige Schauspielerin Karin Hoffmann - an Leidvollem erfährt, wird vielfältig gebrochen, durch Reflexionen, Träume und Handlungssprünge, die keine Eindeutigkeit über das reale Geschehen herstellen.

Verdacht und Betrug

So viel immerhin lässt sich sagen: Karin ist seit bald vierzig Jahren mit dem nicht sehr erfolgreichen, dafür umso ambitionierten Filmemacher Wolfgang verheiratet. Beide haben eine Tochter, Karla, die ihr Glück ebenfalls als Schauspielerin versucht. Karins ohnehin von Selbstzweifeln geprägtes Wiener Leben gerät vollends in Unordnung, als sie anonyme Briefe eines Mannes erhält, der minutiös festhält, wie Karin ihren Tag verbringt. Schnell folgert diese, dass Wolfgang der Verfasser dieser Einschüchterungspost ist -ohne dass sich der Leser freilich ganz sicher sein darf, dass der Verdacht stimmt. Als Karin entdeckt, dass Wolfgang sie jahrelang mit seiner Produzentin Fiona betrogen hat, spitzen sich die -stets in einem vagen Nebel gehaltenen -Ereignisse zu: Karin droht mit Scheidung; Wolfgang kommt bei einem Autounfall ums Leben, von Selbstmord ist die Rede, und Karin wiederum lässt sich auf den bald dreißig Jahre jüngeren Hans ein, der gerne in Kierkegaard-und Cioran-Zitaten spricht, auf gepackten Koffern in seiner Eigentumswohnung sitzt und in sexueller Hinsicht ein blutiger Laie ist. Ein gutes Ende nimmt auch diese Episode nicht, doch das dürfte ohnehin keiner von Jonigks Lesern erwartet haben.

"Melodram" erzählt vor allem von der "Liebessehnsucht einer Aussortierten". Karin, die sich von ihrem egozentrischen Mann jahrelang ausgebeutet fühlte, leidet darunter, sowohl im Beruf als auch im Privaten an die Seite geschoben zu werden. Von diesen existenziellen Krisen erzählt Thomas Jonigk in einem Gestus, der aus Karin phasenweise eine Thesenträgerin macht. Bleierne Sätze wie "Karin fragt sich, ob Hansens Frage nach dem um sie zu legenden Arm gleichbedeutend mit der Forderung nach Sexualität ist" sorgen dabei nicht für Abhilfe. Von Anfang baut der Roman, der mitunter unmotiviert die Perspektive wechselt und dann die Sicht des Ehegatten wiederzugeben sucht, eine zweite Ebene ein, die das "melodramatische" Moment zu brechen hat. Denn Wolfgang arbeitet seit Längerem an einem "Melodram" betitelten Film, dessen Hauptrolle seiner Frau Karin weggenommen wird. Als Produzentin Fiona versucht, Journalisten den Film schmackhaft zu machen, fallen Äußerungen, die sich wie Thomas Jonikgs poetologisches Programm lesen: "Dann erläutert sie, dass 'Melodram' dem Betrachter bzw. der Betrachterin das Erleben des Melodramatischen zwar verweigert, dass dies aber zugunsten einer Beschreibung genau dieses Erlebens geschehe."

Verweigerungshaltung

Fionas Gesprächspartnerin lässt sich davon nicht überzeugen und gewinnt dem Film nichts ab. Fast mag man das als Ironie verstehen -ganz so, als ob Thomas Jonigk beabsichtigt habe, unerfreuliche Reaktionen auf seinen von der einen oder anderen Verweigerungshaltung getragenen Roman vorwegzunehmen. Man merkt die Absicht und ist zumindest ein wenig verstimmt. "Melodram" ist ein klug gebauter Roman, der einem "banalen, verbreiteten Frauenschicksal" mit allen Mitteln gemäßigt postmoderner Erzählverfahren seine Banalität austreiben will. Manchmal gelingt ihm das auch.

Melodram Roman von Thomas Jonigk Droschl 2013 196 S., geb., € 19,60