Berlin Alexanderplatz - © Foto:  Stephanie Kulbach / Sommerhaus/eOne Germany
Film

"Berlin Alexanderplatz": Sich das Werk zu eigen machen

1945 1960 1980 2000 2020

Matthias Greuling über "Berlin Alexanderplatz" von Regisseur Burhan Qurbani.

1945 1960 1980 2000 2020

Matthias Greuling über "Berlin Alexanderplatz" von Regisseur Burhan Qurbani.

Es ist nicht einfach, sich eines Stoffes anzunehmen, der in der deutschen Literatur- und Filmgeschichte ikonografische Bedeutung hat; meistens scheitern die Regisseure daran, die sich an Remakes berühmter Vorlagen versuchen. Aber der in Deutschland geborene und aus Afghanistan stammende Regisseur Burhan Qurbani hat kein Remake vorgelegt, sondern hat sich Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahr 1929 in gewisser Weise zu eigen gemacht.

Er übergeht konsequent Rainer Werner Fassbinders legendäre 14-teilige TV-Verfilmung des Stoffes von 1980 und transferiert die Geschichte des Lohnarbeiters Franz Biberkopf, der nach seiner Haftentlassung eine neue Existenz aufbauen möchte, kurzerhand ins Berlin der Gegenwart. Sein Biberkopf ist der Afrikaner Francis (Welket Bungué), der als Flüchtling übers Meer kam und es bis nach Berlin geschafft hat. Hier will er, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine ehrliche Existenz aufbauen, doch das ist wegen vielerlei schlechter Vorzeichen schier unmöglich. Er kommt bald mit dem schmierigen Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch, herausragend!) in Kontakt und läuft bald ernsthafte Gefahr, das Klischee vom Afrikaner, der Drogen verkauft, zu erfüllen.

Regisseur Burhan Qurbani bleibt in seinem raffinierten, durchwegs klug ausformulierten Drehbuch stets an seiner Grundidee dran, eine Parabel über Rassismus erzählen zu wollen, von der er selbst sehr gut berichten kann: Seine Herkunft aus Afghanistan bereitet ihm immer wieder Schwierigkeiten in Hinblick auf Alltagsrassismus. Qurbani packt seine Emotionen und Erfahrungen in eine dichte, opulent gefilmte Geschichte, die von einer ausgesprochenen Hoffnung getragen wird und optisch ganz großes Kino bietet; drei Stunden stimmiges, sehr gut gespieltes deutsches Kino, wie man es selten zu sehen bekommt.

Der Autor ist Filmjournalist.