Flusskrebse - © Sony

„Der Gesang der Flusskrebse“: Der älteste Trick der Welt

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Daisy Edgar-Jones liefert als Kya Clark eine vielschichtige Performance ab, der Film gleitet dennoch in Biederkeit ab.

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Daisy Edgar-Jones liefert als Kya Clark eine vielschichtige Performance ab, der Film gleitet dennoch in Biederkeit ab.

Olivia Newmans „Der Gesang der Flusskrebse“, eine Adaption des Bestsellerromans von Delia Owens, bedient sich eines der ältesten Tricks der Welt, wenn es darum geht, die Sprache einer literarischen Vorlage auf die Leinwand zu hieven: der Voice-over-Narration. Man bekommt erklärt, dass die Natur weder Tragödie oder Sünde kennt, und schnell wird klar, dass wir es mit einer biederen Literaturverfilmung zu tun haben, die ihre Themen lieber aufzählt, als nach genuin filmischen Mitteln für deren Gestaltung zu suchen. Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist eines dieser Themen, dennoch interessiert sich der Film für die Sumpflandschaft North Carolinas nur insofern, als sie einen möglichst atmosphärischen Schauplatz für seine Geschichte abgibt. Dementsprechend tendiert die Kamera (Polly Morgan) leider dazu, die Lieben und Leiden der Protagonistin in kitschige Postkartenmotive zu kleiden, sodass die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, die der Film eigentlich vermitteln sollte, keine Sekunde spürbar wird.

Die Leiche eines jungen Mannes (Harris Dickinson) wird gefunden und Kya Clark (nach der Serie „Normal People“ eine weitere vielschichtige Performance von Daisy Edgar-Jones), die Ex-Geliebte des Toten, die zurückgezogen in den Sümpfen lebt, sofort des Mordes verdächtigt. Mit Hilfe eines rechtschaffenen Anwalts (David Strathairn als weißhaariger Atticus-Finch-Verschnitt) versucht sie, ihre Unschuld zu beweisen. Hier gibt es eine verblüffende Ähnlichkeit zur Autorin der Romanvorlage, der selbst vorgeworfen wird, in einen Mordfall aus einer Zeit verwickelt zu sein, als sie mit ihrem damaligen Ehemann als militante Tierschützerin aktiv war. Die afrikanische Republik Sambia wartet bis heute auf Owens Aussage. Im Film hat sie einen kurzen Cameo-Auftritt, bezeichnenderweise als Zuseherin in einem Gerichtssaal.

Drehbuchautorin Lucy Alibar, an sich nicht unerfahren, wenn es um starke Frauen in der Wildnis geht („Beasts of the Southern Wild“), hat sichtlich Mühe, die Gerichtsszenen mit dem Aufrollen von Kyas Vergangenheit auf eine mitreißende Weise zu kombinieren. Wichtige Plotpunkte werden eher abgehandelt als entwickelt, und bei manchen Figuren hätte man sich mehr gewünscht als die Reduktion auf eine einzige Charaktereigenschaft. Am Schluss wird in typischer Whodunit-Manier der Verdacht auf eine bestimmte Person gelenkt, die es dann aber natürlich doch nicht gewesen ist. Auch einer der ältesten Tricks der Welt.

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