Zu jeder Zeit - Klassisches Direct Cinema wird geboten.Philibert interveniert nicht, kommentiert nicht, akzentuiert nicht, sondern lässt den Prot­agonisten in langen Einstellungen Zeit, ihre Aufgaben zu verrichten. - © Polyfilm
Film

Kranken-Dienst

1945 1960 1980 2000 2020

Der Dokumentarfilmer Nicolas Philibert geht in „Zu jeder Zeit“ dem Alltag einer Krankenpflegeschule nach.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Dokumentarfilmer Nicolas Philibert geht in „Zu jeder Zeit“ dem Alltag einer Krankenpflegeschule nach.

Nicht nur ein Festival-, sondern auch ein Publikumserfolg gelang Nicolas Philibert vor 17 Jahren mit dem Dokumentarfilm „Sein und Haben“. Eindrücklich schilderte der Franzose darin am Beispiel einer Zwergschule im Zentralmassiv, wie beglückend Lehren und Lernen sein kann. In „Zu jeder Zeit“ widmet sich Philibert nun in drei Kapiteln, die jeweils mit Versen des 2016 verstorben Lyrikers Yves Bonnefoy eingeleitet werden, der Ausbildung von Krankenpflegern am Lernkrankenhaus La Croix Saint-Simon in Montreuil.

Nicht nur ein Festival-, sondern auch ein Publikumserfolg gelang Nicolas Philibert vor 17 Jahren mit dem Dokumentarfilm „Sein und Haben“. Eindrücklich schilderte der Franzose darin am Beispiel einer Zwergschule im Zentralmassiv, wie beglückend Lehren und Lernen sein kann. In „Zu jeder Zeit“ widmet sich Philibert nun in drei Kapiteln, die jeweils mit Versen des 2016 verstorben Lyrikers Yves Bonnefoy eingeleitet werden, der Ausbildung von Krankenpflegern am Lernkrankenhaus La Croix Saint-Simon in Montreuil.

Hautnah ist die Kamera an den Pflegeschülern und ihren Lehrern, nur in drei Einstellungen öffnet sich der Blick auf die Häuser der Stadt. Die Fokussierung verleiht „Zu jeder Zeit“ große Konzentration. Es gibt nur das Hier und Jetzt der Arbeit. Herkunft, sozialer und biografischer Hinter­grund der Krankenpflegeschüler werden ebenso ausgespart wie ihr Privatleben. Diese Fokussierung setzt mit der ersten Einstellung ein, wenn Hände lange gründlich gewaschen werden und den Schülern die Bedeutung der Hygiene mittels eines Testgeräts mit UV-Licht nochmals bewusst gemacht wird. Aus der im Grunde banalen, alltäglichen Verrichtung wird so ein Ritual, bei dem sieben Schritte eingehalten werden müssen.

Klassisches Direct Cinema im Stile eines Frederick Wiseman wird geboten, Philibert interveniert nicht, kommentiert nicht, akzentuiert nicht, sondern lässt den Pro­tagonisten in langen Einstellungen Zeit, ihre Aufgaben zu verrichten oder über ihre Arbeit zu sprechen. Im Gegensatz zu Wiseman („Ex Libris – The New York Public Library“, „National Gallery“) spart Philibert bürokratische Aspekte aus. Er bleibt konsequent bei den Pflegeschülern und beschränkt sich darauf, als aufmerksamer und sensibler Beobachter dem Zuschauer eine Möglichkeit zu bieten, einen unverfälschten, aber präzisen und intensiven Eindruck von dieser Ausbildung zu bekommen.

Auf das Trockentraining von Blutdruckmessung und Herzmassage sowie Vorträge im ersten Abschnitt folgen im zweiten Praktika in Krankenhäusern, bei denen die Pflegeschüler realen Patienten, die sich teils als Versuchskaninchen fühlen, eine Spritze geben, Infusionen legen oder einen Gips abnehmen müssen. Wie sie diese Erfahrungen empfanden, erzählen sie ihren Lehrern schließlich im dritten und letzten Abschnitt in langen Großaufnahmen.

Von den handwerklichen und technischen Fertigkeiten spannt Philibert so den Bogen zur menschlichen Beziehungsebene, die in diesem Beruf eine gleichwertige Rolle spielt. Sein Film ist eine feinfühlige und durchaus auch humorvolle Hommage an diesen Einsatz für die Menschen und macht eindrücklich bewusst, dass es hier nicht nur um Können, sondern immer auch um Verantwortung und ein großes Maß an Sensibilität im Umgang mit den Patienten geht.

Film

Zu jeder Zeit (De chaque instant)

F 2018.

Regie: Nicolas Philibert.

Polyfilm. 105 Min.