Ferrara - © Foto: Pandafilm
Film

"Tommaso und der Tanz der Geister": Familie Ferrara

1945 1960 1980 2000 2020

In „Tommaso“ nähert sich Abel Ferrara den Fragen nach der Existenz auf biografische und gleichzeitig fiktive Weise.

1945 1960 1980 2000 2020

In „Tommaso“ nähert sich Abel Ferrara den Fragen nach der Existenz auf biografische und gleichzeitig fiktive Weise.

Zuletzt hat sich Abel Ferrara („Bad Lieutenant“, 1992), einer der ganz Großen des Arthaus-Kinos, eher rar gemacht. Es ist schon ein halbes Jahrzehnt her, dass der Regisseur mit seinem Pasolini-Porträt zeigte, was er immer noch kann. Hierzulande geriet 2017 Ferraras Viennale-Trailer „Hans“ zum filmischen Kurz-Nekrolog auf den plötzlich verstorbenen Viennale Chef Hans Hurch. Nun ist Ferraras neuester Film, „Tommaso“ in den österreichischen Kinos angelaufen. Der Regisseur, der mittlerweile in Italien lebt, hat hier ein Familienwerk vorlegt: Die weibliche Hauptrolle der Nikki spielt Cristina Chiriac, Ferraras Ehefrau, und beider Tochter Anna mimt die dreijährige Deedee. Nur Willem Dafoe, der Protagonist in „Tommaso“, ist da „familienfremd“. Tommaso lebt mit seiner Frau Nikki und Tochter Deedee in Rom.

Tommaso ist trotz seines italienischen Namens ein US-amerikanischer Künstler, der in der Ewigen Stadt erst die Landessprache lernen muss und der offensichtlich eine mehr als wilde Vergangenheit hinter sich hat. Versuche, Vater und Partner zu sein Aber nun versucht er, das hinter sich zu lassen und ein beziehungsfähiger wie liebender Vater und Partner zu werden. Er strengt sich wirklich an, lernt Italienisch, nimmt Yoga-Kurse und geht zu den Anonymen Alkoholikern, um eines seiner existenziellen Probleme zu meistern. Aber der biedere Alltag (obwohl Nikki eigentlich gar nicht bieder ist) macht ihm zu schaffen, und das Wilde, das einmal war, wird Tommaso auch in der Gegenwart nicht los. Die Dämonen sind nicht von heute auf morgen zu bändigen. Derartige Lebens- und Leidensgeschichte wurde schon oft auf die Leinwand gebracht.

Ein Reiz dieses Opus ist allerdings, dass Schein und Wirklichkeit, Fiktion und Realität bis zur Kenntlichkeit changieren: Ist Tommaso nur das Alter Ego von Abel Ferrara oder gar das von Jahrhundertschauspieler Willem Dafoe? Erweist sich „Tommaso“ gar als autobiographischer filmischer Beziehungsessay oder handelt es sich um das ewigen Motiv von der Relevanz künstlerischer Existenz in der jeweiligen Gegenwart? Man konzediert dem Regisseur und seinem unnachahmlich- en Hauptdarsteller, dass er diese Frage beständig stellt und ebenso beharrlich offenlässt. Das ist die Grandezza von „Tommaso“, die sich – soviel darf verraten werden – als ganz und gar mitnehmend entpuppt. Und natürlich geht das Ganze nur mit der entsprechenden Prise Italianità auf: Federico Fellini, der heuer ja seinen Hunderter feiern würde, steht bei diesem Film ebenso Pate wie Pier Paolo Pasolini, mit dem sich – siehe oben – Abel Ferrara ja intensiv auseinandergesetzt hat. Und dann noch der Name: Tommaso – Thomas – wird im Neuen Testament der „Zwilling“ genannt und ist der Zweifler, der Jesu Auferstehung nicht wahrhaben will. Auch derartiger Anspielung will sich dieser Film nicht entziehen.